Tim-Thilo Fellmer - eine besondere Lerngeschichte

Tim-Thilo Fellmer (Foto: privat) Tim-Thilo Fellmer wurde 1967 in Frankfurt/Höchst geboren und wuchs mit seinen fünf Geschwistern im Taunus auf. Bereits in der Grundschule wurde bei ihm die Diagnose "Legasthenie" gestellt.

Bis ins Erwachsenenalter war er ein "funktionaler Analphabet", heute ist Tim-Thilo Fellmer Kinder- und Jugendbuchautor, Verleger und gefragter Referent.

Neben seiner Arbeit engagiert sich Fellmer seit ca. zehn Jahren in vielerlei Form für die Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland und auch in Europa.

 


Lebens- und Lerngeschichte Tim Thilo Fellmer – gesprochen von Burchard Dabinnus

 


Hallo,

mein Name ist Tim-Thilo Fellmer und ich zählte bis vor gar nicht so langer Zeit noch zu den circa sieben Millionen "funktionalen Analphabeten", die in Deutschland leben.

Für die, die vielleicht noch nicht so viel Berührung mit dem Thema Analphabetismus hatten, eine kurze Erklärung vorweg.

In den meisten Köpfen entsteht, wenn der Ausdruck Analphabet fällt, schnell das Bild von einem Menschen, der gar keine Buchstaben kennt und weder schreiben noch lesen kann und der wahrscheinlich nie eine Schule besucht hat. Um diesem Bild gegenzuwirken und um die Problematik differenzierter darstellen zu können, wurde der Begriff des funktionalen Analphabeten geprägt.

In Deutschland sind die meisten funktionalen Analphabeten – bedingt durch die Schulpflicht – zur Schule gegangen, einige haben sie sogar mit einem Abschluss beendet. Auch wenn sich die Länge der Schulzeit oder die Art des Abschlusses unterscheidet, in einer Hinsicht gleichen sich alle funktionalen Analphabeten: Sie können nicht ausreichend lesen und schreiben, um in einem Land wie Deutschland, in dem eine gewisse Schriftsprachenkompetenz vorausgesetzt wird, zu funktionieren. Eventuell alle Buchstaben zu kennen, mühsam und langsam Worte lesen zu können, meist nur Buchstabe für Buchstabe, und – wenn überhaupt – eine Handvoll Worte schreiben zu können, das ist einfach nicht ausreichend, um hierzulande beruflich und privat im Bereich der Schriftsprache zu funktionieren.

Wer möchte, kann mich nun bei einer kleinen Zeitreise durch mein Leben begleiten:

Mit meiner blauen, mit gelben Sternen verzierten, wunderschönen großen Schultüte in den Armen stand ich an meinem ersten Schultag aufgeregt, glücklich und zugleich auch ein bisschen ängstlich vor dem riesigen Schulgebäude. Man hatte mir schon viel von der Schule erzählt: Mein Opa meinte, nun würde für mich "der Ernst des Lebens" anfangen, meine Mutter sagte, ich könnte in der Schule ganz viele tolle Sachen lernen, die mir bestimmt gut gefallen würden, und meine Brüder berichteten, dass die Schule "voll nerven" würde.

Die Schule begann, ja, und schon nach ein paar Wochen wurde mir klar, dass ich nicht so lernen konnte, wie die meisten anderen Kinder meiner Klasse, was mich sehr unglücklich machte. Noch heute, während ich dies schreibe, machen mich die Erinnerungen an damals sehr traurig. Ich wollte doch nicht anders sein als die anderen Kinder in meiner Klasse. Wie sie auch wollte ich Lesen und Schreiben lernen. Leider gelang mir das nicht, obwohl ich mich so bemühte. Schnell war in mir die ganz natürliche Freude am Lernen, die jedes Schulkind in sich trägt, zerstört. Ich wurde oft krank oder habe mich morgens, wenn meine Mutter mich weckte, krank gestellt, nur um nicht in die Schule zu müssen. Meine Eltern wollten mir helfen, aber haben es leider nicht geschafft. Mein Vater war selbstständig, musste in seiner Firma viel arbeiten und hatte für uns Kinder nicht sehr viel Zeit. Meine Mutter musste sich um unseren großen Haushalt kümmern und half auch manchmal in der Firma aus. Und dann gab es da ja noch meine Geschwister, die natürlich auch umsorgt werden mussten.

Wegen der vielen Fehltage und meiner schlechten Noten wurde ich nicht versetzt und musste die erste Klasse noch einmal wiederholen. Ich schämte mich fürchterlich, als Einziger der Klasse nicht versetzt worden zu sein. Beim erneuten Anlauf schaffte ich es dann, in die zweite Klasse zu kommen. Auch in den darauffolgenden Grundschuljahren wurde ich von Jahr zu Jahr versetzt, aber Lesen und Schreiben habe ich nicht gelernt und sehr vieles andere dadurch auch nicht. So kam es, dass ich mit viel zu geringen Vorkenntnissen in die weiterführende Schule wechselte. Der Ablauf ähnelte sich: Von Jahr zu Jahr wurde ich versetzt, nur ein Jahr musste ich auf der Hauptschule wiederholen.

Noch in der Grundschule war bei mir die Diagnose Legasthenie gestellt worden. Daher wurde mir ab der siebten Klasse angeboten, Englisch abzuwählen und stattdessen zusätzlichen Deutschunterricht zu bekommen. Ich nahm das Angebot an, aber schon damals hatte ich nicht mehr die Hoffnung, wirklich Lesen und Schreiben zu lernen. Nein, daran habe ich überhaupt nicht mehr glauben können und auch sonst hatte ich das Bild von mir, dass ich in keinem Schulfach das, was die Lehrer von mir erwarteten, leisten könnte. Ja, und wie sollte einer wie ich, der eigentlich für jedes Schulfach zu "blöd" war, ausgerechnet eine Fremdsprache lernen können. Ich fühlte mich in dieser Zeit total unfähig und absolut überfordert. Aber wie sollte es auch anders sein, wenn man jahrelang in der Schule ist und nicht richtig lesen und schreiben kann. Auch war es nicht so, dass es dadurch nur Nachteile in Deutsch gegeben hätte; das Problem wirkte sich auf alle Fächer aus, nur nicht auf den Sportunterricht. In keinem Fach gelang es mir, eine Textaufgabe schnell genug zu lesen, oder das, was an der Tafel stand, in mein Heft zu übertragen, bevor es vom Lehrer weggewischt wurde. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich keine Schulaufgaben machen konnte, weil ich die notwendigen Informationen nicht in meinem Heft stehen hatte. In manchen Fächern bekam ich bei Klassenarbeiten eine Sechs, weil die Lehrer meine schriftlichen Antworten nicht entziffern konnten. Ja, wenn man tagtäglich erleben muss, dass man nicht so funktioniert wie die anderen und man immerzu hinterherhinkt, dann liegt es auf der Hand, dass man sich selber nicht mehr viel zutraut und annimmt, man könnte nichts zustande bringen.

Um mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl wenigstens einigermaßen hochzuhalten, habe ich mich als Klassenclown beziehungsweise als Klassenrüpel aufgeführt. So war ich zumindest bei einigen Klassenkameraden anerkannt. Den Lehrern machte ich es damit nicht gerade leicht, mich zu mögen oder sich besonders für mich einsetzen zu wollen. Aus meiner heutigen Sicht war mein damaliges Verhalten eine Art Hilfeschrei, der aber leider kein, oder zumindest zu wenig, Gehör fand. Auf jeden Fall schaffte ich es auf diese Weise, die Scham und das Leid, das ich empfand, wenn ich vor der Klasse lesen musste – stotternd einen Buchstaben an den anderen reihend– oder etwas an die Tafel schreiben sollte, besser zu ertragen. An manchen Tagen, an denen ich schon vorher wusste, dass mich so etwas oder Ähnliches im Unterricht erwarten würde, kehrte ich der Schule, indem ich schwänzte, oft ganz den Rücken.

Mit zunehmendem Alter kam es immer häufiger vor, dass ich auch außerhalb der Schulmauern in Bedrängnis geriet. Im normalen Alltag wurde natürlich von einem Jugendlichen, der ich inzwischen war, einiges an Schriftsprachekompetenz erwartet. Die Angst, als jemand, der nicht Lesen und Schreiben kann, entlarvt zu werden, begleitete mich ständig. Vielleicht kann man sich das nur schwer vorstellen, aber ich hatte selbst Angst zu einem Arzt zu gehen, bei dem ich noch nicht war; dort hätte mich ja ein Formular erwarten können, das ich ausfüllen musste. Es war für mich auch undenkbar, in einen Verein einzutreten, wie beispielsweise einen Fußballverein, Handballverein, Schützenverein oder Schachverein, weil ich mich davor fürchtete, dort irgendwelche Formulare ausfüllen zu müssen. So verkündigte ich lautstark, wenn meine Freunde über ihre Vereine sprachen, dass mich das alles nicht interessierte und dass Handball oder Fußball "eh blöd" wären. In mir sah es allerdings ganz anders aus, und ich wünschte mir nichts mehr, als mit meinen Freunden ins Training gehen zu können. Ja, es kam damals und auch in meinem späteren Erwachsenendasein leider sehr oft vor, dass ich nach außen etwas anderes kommunizierte als das, was tatsächlich in mir vorging. Bei Freunden oder Bekannten habe ich z. B. immer behauptet, ich hätte keine Lust auf ein gemeinsames Gesellschaftsspiel. Wusste ich doch, dass viele Spiele Spielkarten beinhalteten, die die Spieler vorlesen mussten. So wurde ich für die anderen der unflexible Spielverderber. Doch das ertrug ich lieber, als mich zu meiner Schwäche zu bekennen.

Nach meiner Schulzeit, die ich mit einem Hauptschulabschluss beendete, wohlgemerkt immer noch nicht lesen und schreiben könnend, bekam ich mit viel Glück einen Ausbildungsplatz und machte eine Lehre zum Kfz-Mechaniker, die ich auch abschloss. Nur meine Möglichkeiten, mich in der Welt der Buchstaben bewegen zu können, hatten sich leider nicht verbessert. Im Gegenteil, meine geringen Fähigkeiten hatten seit Verlassen der Schule eher nachgelassen. Zwar hatte ich einen gewissen, sehr überschaubaren Wortstamm an Begriffen auswendig schreiben gelernt, um mich während meiner Lehre durchzumogeln, aber ansonsten machte ich wirklich um alles, was mit Buchstaben zu tun hatte, einen großen Bogen.

So lebte ich jahrelang ohne die Möglichkeit zu haben, mich in so vielen – wie ich inzwischen weiß – schönen und wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft bewegen zu können. Mein ständiger Begleiter war die Angst, enttarnt zu werden. Ich litt mehr und mehr darunter, dass ich in meiner persönlichen Entwicklung so beschnitten war und dass ich ständig auf die Hilfe anderer angewiesen war. Denn um ein gewisses Maß, die Schriftsprache zu gebrauchen, kommt man gar nicht herum (Mietverträge, Kaufverträge, Formulare, Briefe, Kündigungsschreiben, Bewerbungsschreiben usw.). Wenn man nicht ausreichend lesen und schreiben kann, dann ist und bleibt man abhängig von anderen. Um mich nicht völlig klein zu fühlen und das Bild meiner Selbstwahrnehmung aufzubessern, versuchte ich auch als Erwachsener – wie früher schon in der Schule – meine Schwäche zu kompensieren. So machte ich damals sehr viel Kraftsport, um mich stark zu fühlen und nach außen stark zu wirken, oder kleidete mich auffallend schick, wenn ich ausging. Mir gelang es auch relativ oft, über meine Ausdrucksweise meinem Gegenüber einen so positiven Eindruckzu vermitteln, dass er bestimmt nicht auf die Idee gekommen wäre, ich könne nicht richtig lesen und schreiben. Im Gegenteil, oft interpretierten Menschen, die mich kennenlernten, sehr viel in mich hinein, was wenig mit meinem Werdegang und mit meiner Schwäche zu tun hatte. Sie glaubten, ich hätte die mittlere Reife oder vielleicht auch das Abitur und wäre in einem kaufmännischen Beruf tätig oder würde in einer Bank arbeiten. Manche dachten sogar, ich hätte studiert oder würde studieren. Auch wenn ich mich über solche Einschätzungen erst einmal freute, brachten sie mit sich, dass ich noch mehr Angst bekam, als funktionaler Analphabet erkannt zu werden, und dem Bild, das ich nach außen abgeben wollte, gar nicht mehr gerecht zu werden.

Einige Jahre vergingen, doch dann veränderte sich mit zunehmendem Alter mein Wertesystem und mein Kartenhaus bröckelte und fiel schließlich zusammen. Das war damals eine sehr harte und schwierige Erfahrung für mich. Es war einfach so, dass ich die Dinge, die ich lange Zeit genutzt hatte, um mich trotz meiner Schwäche einigermaßen gut zu fühlen, nicht mehr verwenden konnte, um vor mir selber zu bestehen. Jetzt, nachdem ich mir nicht mehr so viel daraus machte, wie durchtrainiert und körperlich stark ich war, und ob ich mich anderen gegenüber gut "verkaufen" konnte, stand ich ziemlich dumm da. Das alles hatte für mich plötzlich keinen großen Wert mehr. Ich fühlte mich als kompletter Versager und es ging mir hundeelend.

Rückblickend war aber gerade das ein Geschenk, denn nun musste ich etwas verändern, wenn ich mich nicht andauernd schwach und inkompetent fühlen wollte. Wie so oft steckte in der Krise auch die Chance und ich ergriff sie. Ich meldete mich bei der Volkshochschule zu einem Alphabetisierungskurs an und begann als Erwachsener, richtig lesen und schreiben zu lernen. Es folgten in den nächsten 13 Jahren noch viele weitere Kurse und Hunderte von Stunden mit Nachhilfelehrern und unglaublich viel Zeit, die ich alleine am Schreibtisch schreibend, am Computer lernend oder auf dem Sofa mit einem Buch in der Hand lesend verbrachte. Oftmals unterbrach ich für mehrere Wochen oder sogar für Monate mein Weiterlernen, weil ich einfach in Phasen, in denen es nur schleppend weiterging und ich noch so weit von meinem Ziel entfernt war, den Glauben verlor, dass ich es wirklich irgendwann schaffen würde, mich in der "ach so großen Welt der Buchstaben und Zeichen" bewegen zu können.

Doch heute weiß ich, dass all die Jahre des Lernens und das viele Geld, das ich in meine Alphabetisierung investieren musste, sich voll und ganz gelohnt haben. Es ist eine ganz neue Lebensqualität, die ich, seitdem ich lesen und schreiben kann, gewonnen habe. Und die Möglichkeiten, mich nun auch über Schriftsprache weiterzubilden und entwickeln zu können, möchte ich nie, nie wieder missen müssen. Endlich konnte ich eine SMS beantworten, eine E-Mail lesen, Briefe schreiben, Autobahnschilder schnell genug auffassen, Hinweisschilder wahrnehmen, Speisekarten verstehen und Anmeldeformulare ausfüllen. Aber das Wichtigste war für mich, dass ich nun die Welt der Bücher oder besser gesagt, das Universum der Bücherwelten, auf mich wirken lassen konnte. Ich begann mit der Schulliteratur, die ich ja nie gelesen hatte. Dann las ich aktuelle Unterhaltungsliteratur und später meist themenbezogene Lehrbücher, mit denen ich mich weiterbildete. Ehe ich mich versah, konnte ich mir keine Welt mehr ohne Bücher vorstellen, mit all ihren tollen, vielfältigen Möglichkeiten, die sie einem Mensch, der sie auch lesen kann, boten.

In dieser Zeit ist es dann auch passiert. Ich fing an, davon zu träumen, selber einmal ein Buch zu schreiben. Damals schrieb ich folgenden Satz: Schreiben zu können muss eine der allerschönsten Begabungen sein, seiner Fantasie und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und sich in Welten zu Menschen, die es bis dahin nur in der eigenen Traumwelt gab, zu begeben, und darüber hinaus andere daran teilhaben zu lassen.

Ungefähr ein Jahr später schrieb ich die Überschrift und die lautete: "Fuffi der Wusel" und aus diesen drei Worten entwickelte ich in den darauffolgenden viereinhalb Jahren eine Geschichte über das "Anderssein" und hatte so mein erstes Kinderbuch geschrieben.

 

Ende der kleinen Zeitreise


Fuffi der Wusel / Illustration

Wir danken Tim-Thilo Fellmer für diese "Zeitreise", die auch zusammen mit anderen sehr lesenswerten Artikeln abgedruckt ist in: "Das große Lesebuch – Geschichten zum und über das Lesen" Herausgeber: Globale Bildungskampagne, c/o Oxfam Deutschland e.V.

Mehr zum Buch und zum Hörbuch "Fuffi der Wusel" auf den Seiten von Tim-Thilo Fellmer.

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