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'Dyslexic learners have many talents that just don’t happen to include reading and writing.'
Professor John Stein, Professor of Neurophysiology University of Oxford, UK
Zur Diskussion gestellt:
Legasthenie - eine Krankheit?
Dr. Britta Büchner, LegaKids, Dr. Nicole Robering, Universität Dortmund und Prof. Dr. Birgit Werner, Pädagogische Hochschule Heidelberg
Zunehmend zeichnet sich eine Tendenz ab, Kinder als krank, gestört oder behindert einzustufen, deren Verhaltensformen und Begabungsprofile in irgendeiner Form von einer engen Norm abweichen. Diese Pathologisierungstendenz hat weitgehende individuelle, familiäre, schulische und gesamtgesellschaftliche Folgen.
Am Beispiel Legasthenie möchten wir einige der Folgen andeuten und kritische Fragen dazu stellen.
Legasthenie wird derzeit mehrheitlich von Kinder- und Jugendpsychiatern diagnostiziert. Schule, Eltern und Kinder erleben diese Diagnose als Feststellung einer Krankheit bzw. manifesten Störung. Die Lernschwierigkeiten der Kinder werden in der Folge aus dem schulischen Rahmen und der schulischen Verantwortung an spezielle Therapeuten überantwortet. Dabei wird die Diagnose „Legasthenie“ mit medizinisch-psychologischen Verfahren gestellt - für die „Behandlung“, die Therapie, gelten aber primär pädagogische Maßnahmen und Programme als erfolgversprechend.
Hier nun stichwortartig einige der Folgen und Fragen zum Krankheitsbegriff Legasthenie:
Folgen:
- Kinder werden zusätzlich stigmatisiert.
- Die Eigenmotivation und die Selbstheilungskräfte des Kindes werden gebremst: „Da kann ich nichts machen - ich bin ja krank.“
- Schulen und Lehrkräfte können sagen: Für die Krankheit „Legasthenie“ sind wir nicht zuständig. In der Folge wurde teilweise schon Förderunterricht abgeschafft.
- Vor dem Hintergrund der Diskrepanzdefinition (WHO, ICD-10) ist die Gefahr von „Gefälligkeitsgutachten“ groß, um Kinder in diese oder jene Kategorie einzuordnen. Zudem sind IQ-Tests und Lesetests nicht nur von enorm unterschiedlicher Qualität und Aussagekraft, ihre Durchführung und damit ihre Ergebnisse sind auch leicht zu manipulieren.
- Eltern und Lehrkräfte richten ihre Aufmerksamkeit nahezu ausschließlich auf die „Defizite“ des Kindes; die Fähigkeiten und Begabungen der Kinder rücken noch mehr in den Hintergrund, da diese Störung bzw. Krankheit vermeintlich therapiert werden muss.
- Der Begriff Krankheit suggeriert eine eindeutig feststellbare organische Veränderung, die medizinisch diagnostizierbar und mit medizinischen Methoden behebbar ist. Bislang haben sich weder medizinische Diagnosen als eindeutig erwiesen noch ausschließlich medizinische Methoden bzw. Therapien im Umgang mit den Phänomenen LRS und Dyskalkulie bewährt.
- Eine Zuschreibung als „Krankheit“ vermeidet den Blick auf die Situation, in der das Kind die Gelegenheit bekommt (oder auch nicht) so lesen, schreiben und rechnen zu lernen, wie es erwartet wird. Andere Verursachungsfaktoren wie familiäre, sozialisationsbedingte und schulische Faktoren werden ausgeblendet.
- Ein Krankheitssyndrom geht davon aus, dass der Betroffene gar nicht in der Lage ist, eine Anforderung zu erfüllen. Kinder aber bringen sehr wohl Vorwissen, Vorerfahrungen mit, die für den Erwerb von schriftsprachlichen und mathematischen Kompetenzen wichtig und sinnvoll sind. Diese müssen von Lehrkräften erkannt, bestärkt und sinnvoll genutzt werden.
- Eine Krankheitsdiagnose beschränkt sich auf die Frage: Was kann das Kind nicht? Förder- und ressourcenorientierte Diagnostik aber fragt: Was kann das Kind und wie muss sich die Situation verbessern, damit das Kind besser lernen kann? Die Interventionsmaßnahmen beschränken sich dann nicht nur auf das Kind, sondern auf alle die Situation beeinflussenden Faktoren.
Fragen:
- Ist es pädagogisch und medizinisch vertretbar, basierend auf einem Intelligenztest und einem Lese-Rechtschreibtest Legasthenie als Krankheit oder manifeste Störung zu definieren?
- Die zunehmende Pathologisierung der Kinder engt unsere Wahrnehmung über die Entwicklungspotentiale von Kindern ein, wenn jedes Kind, das von der Norm abweicht, als dysfunktional, oder gestört betrachtet wird. Sind beispielsweise Kinder, die keinerlei Sinn für Technik, keine Begabung für Sport oder Kunst, keine Begabung für Musik haben, also absolut unmusikalisch sind, als „krank“ oder „gestört“ zu begreifen?
- Alle Kinder mit Lese-Rechtschreib-Problemen benötigen eine entsprechende individuelle Förderung, die ihre Stärken und Schwächen berücksichtigt. Es besteht die Gefahr, dass nur ein Bruchteil der Kinder durch die Unterscheidung in „Schwäche“ und in „Krankheit Legasthenie“ eine Förderung bekommt. Welche Hilfe aber bekommen diejenigen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die zwar Schwierigkeiten im Erwerb und in der Anwendung der Kulturtechniken haben, jedoch nicht das Label „Legastheniker“ zugeteilt bekommen?
Fazit:
Schwierigkeiten im Umgang mit der Schriftsprache haben vielfältige Ursachen, Erscheinungsformen und Ausprägungen. Zur Unterstützung der Kinder wie auch der Lehrer benötigen wir Fachkräfte, die sich in dem Bereich Schriftspracherwerb weitergebildet haben und konkurrenzfrei mit den Schulen zusammenarbeiten. Lese- und Rechtschreibtests können aufzeigen, in welchen Bereichen pädagogisch unterstützt werden muss - als diagnostisches Mittel zur Feststellung einer „Krankheit“ taugen sie nicht.
Das Label „Krankheit“ kann nicht das Kriterium sein, um einem Kind professionelle pädagogische Förderung und finanzielle Unterstützung zu gewähren.
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Ihre Gedanken zu dieser Thematik interessieren uns sehr. Bitte mailen Sie uns: info@legakids.net
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