Ratgeber Rechtschreibprobleme - sehr lesenswert!

08.02.2010

Anfang 2010 ist ein neuer Ratgeber zum Themenkreis LRS / Legasthenie erschienen. Das Autorenteam Dorothea und Günther Thomé kann auf zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Sprachdidaktik, Schriftspracherwerb sowie Lese-Rechtschreibschwierigkeiten zurückblicken. Warum also der umfangreichen Fachliteratur noch einen Ratgeber hinzufügen? Die Autoren begründen dies damit, dass sie vorrangig betroffene Kinder und Eltern zu Wort kommen lassen möchten.

Und das ist es auch tatsächlich, was diesen Ratgeber besonders macht: Viele kurze und einige längere Texte, die von Kindern und Jugendlichen mit Rechtschreibproblemen verfasst wurden, vermitteln sehr direkt eine große Bandbreite an Verzweiflung, Wut und Resignation: "Meine Mutter ist sehr Gut im Kochen. Ich bin Gut im Mahte. Ich muss mich bessern in Recht Schreibung. Ich hasse Deutsch, ich hasse Deutsch. (Junge, vierte Klasse)"

Aber auch Kreativität und sprachliches Talent werden in den "fehlerhaften" Texten sichtbar. "Und darum schreibe ich jetzt von meinem liebligs Thema. Und das ist der Strom. Ich bin beeindrukt von der Kraft des Stromes. Und der Wirkung. Wie der Strom Robotter zum leben erwekt und viles mehr finde ich faszienirent! (Junge, vierte Klasse)"  Dieser Junge hat sich das Schreiben offensichtlich (noch) nicht vermiesen lassen ...

Ausführliche Texte von Eltern ergänzen die Perspektive der betroffenen Kinder. Sie berichten von der eigenen Hilflosigkeit, von der Situation der Kinder in der Schule und von zahlreichen Therapieversuchen. Viele Eltern werden einen Teil ihrer Geschichte hier wiederfinden und schon dadurch etwas Entlastung erleben.

Dennoch würden diese Texte allein noch keinen Ratgeber ausmachen. Dorothea und Günther Thomé geben zusätzlich Hinweise und Hilfestellungen aus fachlicher Sicht. Sie berichten über leider viel zu viele unkorrekte Lehrmaterialien, über typische Fehler in  der pädagogisch-didaktischen Vermittlung und über "falsches Fördern".  Im Anschluss daran geben sie Beispiele für ein sinnvolles Fördern zu Hause. Dabei beeindruckt vor allem die Grundhaltung dem Kind (und seinen "Fehlern") gegenüber: Es ist eine große Wertschätzung den Bemühungen des Kindes gegenüber, eine Wertschätzung, die das Kind vor Entwertungen und Erniedrigungen schützt, es ernstnimmt und ermutigt. Diese Haltung versuchen die Autoren den Lesern zu vermitteln. Die Vorschläge für die häusliche Arbeit sind kreativ und erfrischend, der dafür nötige Aufwand (an Einarbeitung und Konsequenz) allerdings für viele Eltern kaum zu leisten. (Im Buch geht es übrigens ausschließlich um die Rechtschreibung - wer also Rat zu Leseschwierigkeiten sucht, wird hier nicht fündig.)

Thomé und Thomé haben selbst als Lerntherapeuten gearbeitet und einen eigenen Förderansatz entwickelt, mit dem sie gute Erfolge erreichen konnten. Sie konstatieren: "Es ist möglich, dass alle Regelschüler auf ein mittleres Rechtschreibniveau  kommen können."  Dies ist letztlich eine klare Absage an das Konzept "Legasthenie als (nicht behebbare) Behinderung, Störung  oder Krankheit", auch wenn es nicht ausgesprochen wird. Auch der Hinweis auf die Münchner LOGIK-Studie untermauert dies. Die Studie weist nach, dass die durchschnittliche Rechtschreibleistung in den letzten 40 Jahren deutlich zurückgegangen ist. Zitat Thomé und Thomé: "Wenn man etwa dreißig bis vierzig Jahre alte Maßstäbe an die heutigen Rechtschreibleistungen anlegen würde, könnte man gut die Hälfte unserer Schüler als rechtschreibschwach bezeichnen!" (Hervorhebung durch Thomé und Thomé) Die Autoren interpretieren dieses Ergebnis nicht. Doch darf als äußerst unwahrscheinlich gelten, dass etwas wie ein "Legasthenie-Gen" für derart deutliche Veränderungen innerhalb so kurzer Zeit verantwortlich ist. Hier könnte sich also eine lange Kritik an der Lehrerausbildung und bestimmten Unterrichtsprinzipien  sowie systemimmanenten Schwierigkeiten anschließen - Thomé und Thomé lassen dies auch anklingen - doch darüber könnte man ein eigenes Buch schreiben ...

Thomés Ratgeber nähert sich dem Problemfeld LRS / Legsthenie auf erfreulich unorthodoxe Art. Das Lesen wird an keiner Stelle langweilig. Und die konkreten Unterstützungsvorschläge  sind nicht nur für zu Hause, sondern auch für die lerntherapeutische Begleitung betroffener Kinder  interessant.

Kritisch anzumerken bleibt nur, dass es im Ratgeber keinen Hinweis auf das Lese-Rechtschreib-Monster Lurs gibt :-)


Dorothea Thomé; Günther Thomé
Ratgeber Rechtschreibprobleme
LRS/ Legasthenie
Erfahrungsberichte - Perspektiven - Auswege
Verlag: isb - Institut für sprachliche Bildung Oldenburg
1. Auflage, 21 x 14,8 cm (DIN A 5)
128 Seiten, 14,80 €
ISBN 978-3-942122-01-6