Frühtest zur Diagnose von Legasthenie – bahnbrechend oder belastend?

01.02.2012

In den letzten Wochen ist eine aktuelle Meldung zum Thema Legasthenie dauerpräsent im Internet. Folgendermaßen lautet die Pressmitteilung vom 12. Januar 2012: "Das Fraunhofer- Institut für Zelltherapie und Immunologie und das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften entwickeln gemeinsam einen Frühtest zur Diagnose von Legasthenie. Ziel ist es, Legasthenie bereits im Kleinkindalter zu erkennen und dadurch früher und effektiver zu behandeln."

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Und das soll konkret geschehen:

Gemeinsam wollen die beiden Forschungsinstitute Patientengruppen mit modernen hirnphysiologischen und bildgebenden Verfahren (z. B. Elektroenzephalographie, Magnetresonanztomographie) auf  Veränderungen untersuchen und genetische Risikovarianten anhand von Speichelproben identifizieren. Aus diesen Erkenntnissen soll ein breit einsetzbarer Frühtest entwickelt werden, der zukünftig potenziell gefährdete Kinder identifizieren soll.

Das hier vorgestellte Projekt wird in den nächsten drei Jahren mit knapp
2,5 Millionen Euro gefördert. Das Interesse sei groß, heißt es.
Prof. Dr. Angela Friederici vom Max-Planck-Institut ist der Meinung, dass dieser Frühtest einen leichteren Start in das Schulleben und in das spätere Berufsleben ermöglichen wird.

Kritische Anmerkungen zu diesem Projekt

Zukunftsszenario

Das klingt toll und nach schöner neuer Welt: Man untersucht die "Patientengruppe" im Kleinkindalter, wählt die genetisch und neuronal prädestinierten "Legastheniker" aus und behandelt sie. Bis zur Schule sind sie dann fit, um ohne Probleme lesen und schreiben zu lernen.
Gemessen an der Anzahl der Übernahmen der Pressemitteilung in Online-Portale hat dieses Szenario offenbar einen hohen Nachrichtenwert.

Allerdings geben die Forscher keinerlei Hinweis darauf, wie denn nun nach der Diagnose der "identifizierte Legastheniker" therapiert werden soll. Und auch nicht, was eine solche Untersuchung bei Eltern, Erzieherinnen und  Kindern auslösen und wie sie sich auf unser Erziehungs- und Bildungssystem auswirken würde.

Kritikpunkte am "Frühtest zur Diagnose von Legasthenie"

  1. Ein derartiger Test suggeriert, dass es sich bei  LRS / Legasthenie um eine "Krankheit" oder "Störung" handelt, die ausschließlich an den biologischen Voraussetzungen des Kindes festzumachen ist. Dass ein Kind bestimmte genetische Voraussetzungen mitbringt oder bestimmte Muster neuronaler Verarbeitung, heißt aber noch lange nicht, dass diese nicht "normal" sind oder gar Krankheitswert besitzen.  

  2. Eine solche Frühtestung könnte daher zu einer Stigmatisierung der betroffenen Kinder führen und damit letztlich auch einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung Vorschub leisten: Dieses Kind hat nicht die biologischen Voraussetzungen, um angemessen lesen und schreiben zu lernen, also wird ihm das von den Eltern, vom Erziehungspersonal etc. auch nicht zugetraut, das Kind wird frühzeitig entmutigt usw.

  3. Dass ein Kind mit solcherart "auffälligem" Profil gleichzeitig viele andere Begabungen und Stärken mitbringt, gerät aus dem eng medizinisch gefassten Blickfeld und fokussiert auf angebliche Defizite.

  4. Der von einigen Gruppen postulierte Unterschied zwischen LRS (erworben) und Legasthenie (genetisch/neurobiologisch) könnte mit so einer Testung untermauert werden - bleibt aber dennoch fraglich, da ständig neue Kandidatengene entdeckt werden und da das Gehirn keineswegs tiefgreifend erforscht ist. Hier kann bisher schlicht und ergreifend nur beobachtet werden. Die Beobachtung von Hirnaktivitäten ist zudem nur eine Momentaufnahme. Nervenzellen, Synapsen, ja ganze Hirnareale verändern sich im Zusammenspiel mit bestimmten Anforderungen: Lernen verändert das Gehirn. Außerdem ist Lesen- und Schreibenlernen eine kulturelle Entwicklungsaufgabe, sie ist nicht im Menschen angelegt wie z.B. das Laufenlernen.

  5. Eltern, die nun ihr Kleinkind frühzeitig testen lassen und mit der Diagnose "Legasthenie" nach Hause gehen, werden verunsichert und letztlich doch alleingelassen. Das Schreckgespenst "Legasthenie und Schulerfolg" macht sich schon in der Vorschulzeit breit und verursacht Elternsorgen, Elternängste und Elternschuldgefühle.

  6. Gleichzeitig wiegt ein solcher Test die Eltern der Kinder, die medizinisch kein "Legasthenie-Risiko" aufweisen, in falscher Sicherheit. Schwierigkeiten beim Prozess des Schriftspracherwerbs haben ganz unterschiedliche Ursachen – so sehen das die meisten Wissenschaftler und ganz sicher auch die erfahrenen Therapeuten. Wenn ein medizinischer Test mir sagt, mein Kind hat keine "Legasthenie", werde ich auch bei späteren Schulproblemen nicht so leicht darauf kommen, dass mein Kind eben doch gravierende Probleme beim Schriftspracherwerb hat und eine entsprechende Unterstützung braucht.

  7. Die Auswirkungen auf das Bildungssystem könnten gravierend sein. Bereits heute werden viele Kinder, die einer willkürlich festgelegten Norm nicht entsprechen, als "gestört" oder "krank" diagnostiziert und außerschulischer Förderung überantwortet. Oft fühlen sich Lehrer und Schulen für diese "kranken" Kinder nicht mehr zuständig  und können so den grundlegenden Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen.

  8. Wären alle Erzieherinnen gut ausgebildet (und entsprechend ihrer Leistung adäquat honoriert), würden Kinder mit Schwierigkeiten in der Sprachverarbeitung frühzeitig auch ohne medizinische Diagnosen erkannt und gefördert. Zudem gibt es für derartige Probleme ohnehin keine medizinischen Therapien, sondern ausschließlich pädagogische Unterstützung.

  9. Fraglich bleibt auch die von Genforschern immer wieder vorgetragene Behauptung, eine wirksame Therapie könne erst entwickelt werden, wenn die genetischen "Verursacher" eindeutig erkannt seien. (Wie eine auf die genetische Veranlagung zugeschnittene  Therapie aussehen könnte, wird dabei  nicht erwähnt.) Um Forschungsprogramme durchzusetzen und deren Finanzierung zu erwirken, wird immer wieder angeführt, dass die bisherigen Therapiekonzepte keinerlei oder kaum positive Wirkung erzielten. Die Wirksamkeit der Therapien wird allerdings je nach Studie und Interessenlage sogar von und ein und demselben Wissenschaftler völlig unterschiedlich bewertet. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass eine Studie zu Erwachsenen mit entsprechender Diagnose und entsprechender Förderung im Schulalter zeigt, dass diese schriftsprachlich nicht schlechter abschneiden als der Durchschnitt.

  10. Last, but not least ein Paradox: Würden diese "früherkannten" und "frühgeförderten" LRS-Kinder tatsächlich in die Lage versetzt, durchschnittlich lesen und schreiben zu lernen, müssten laut geltender Diagnostik einfach andere Kinder "legasthen" sein, da immer die schwächsten 5 %  bis 15 % Rechtschreiber und Leser als solche diagnostiziert würden.

Fazit

Es ist sicher sinnvoll, das Problemfeld "Legasthenie / LRS" mit neuen Forschungsmethoden genauer zu durchleuchten. Ob die medizinisch orientierte Diagnostik – die im Übrigen keinerlei medizinische Therapie anbieten kann – wirklich Vorteile für die Betroffenen birgt, bleibt fraglich.  Wäre es nicht sinnvoller,  vermehrt Forschungsgelder für die Entwicklung und Evaluierung von guten Fördermethoden und Therapiekonzepten zu verwenden? Und vielleicht noch ein wenig sinnvoller, Bildungs- und Förderkonzepte zu entwickeln, die nicht auf die Behandlung einzelner "Defizite", sondern auf die individuelle Förderung aller Kinder zielen würde – orientiert an den Stärken und Schwächen, also dem ganz persönlichen und "normalen" Begabungsprofil eines jeden Kindes?

Die Pressemitteilung finden Sie unter:
www.izi.fraunhofer.de