Mehr "kranke" als gesunde Kinder?

09.11.2011

Zwei Schweizer Kinder- und Jugendpsychiater im Gespräch mit der NZZ online

"Erlöst die Schüler von unnötigen Diagnosen", so der Titel des Artikels vom 6. November 2011 in der Neuen Züricher Zeitung. Der Kinderarzt Thomas Baumann, Leiter des Entwicklungspädiatrischen Zentrums in Solothurn, und der Jugendpsychiater Romedius Alber sorgen sich wegen der zunehmenden Pathologisierung von Kindern mit Schulproblemen.

Bild: Fotolia

Das Interview mit den Schweizer Kinderärzten ist ein beeindruckendes Plädoyer für die Toleranz gegenüber Verschiedenheit, gegenüber individuellen Schwächen und Stärken sowie für die Aufmerksamkeit bzgl. der jeweils besonderen Situation, in der ein Kind lebt.

Über 50% aller schulpflichtigen Kinder in der Schweiz erhalten inzwischen Therapien, um schulische Schwächen auszugleichen. ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, psychomotorische Probleme - all das sind Diagnosen, die zu entsprechenden Therapien führen.

Einige Zitate aus dem Interview in dem die beiden Lobbyisten für die "Sache der Kinder" Mediziner und Psychologen dazu aufrufen:

Sucht nicht gleich in jedem Kind einen Defekt!

Baumann: "Die Kinder haben sich nicht verändert. Es werden einfach mehr Variationen der Norm als pathologisch erklärt. Wir haben heute völlig falsche Vorstellungen davon, was normal und was nicht normal ist."

Baumann: "Das Grundproblem ist die Testerei. Wenn man nur auf eine einzige Leistung fokussiert, findet man schnell eine Störung, die restlichen Fähigkeiten der Kinder werden vergessen. Füllt man einfach einen ADHS-Fragebogen aus, so hat mindestens ein Drittel aller Buben ein ADHS."

Alber: "Wir beobachten die Entwicklung der Kinder immer genauer und stellen dadurch mehr Variabilität fest. Viele Abweichungen vom Durchschnitt werden als Entwicklungsstörungen deklariert, und das hat einen riesigen Therapie-Markt geschaffen. Zudem sind viele Lehrpersonen am Anschlag. Kinder, die nicht im selben Takt tanzen können, laufen Gefahr, pathologisiert zu werden."

Baumann: "Man muss sich aber bewusst sein, dass jede Diagnose etwas auslöst. Therapien stigmatisieren. Kinder wollen normal sein, und das sind sie nicht, wenn sie jeden Mittwochnachmittag statt Fussball zu spielen in die Logopädie müssen."

Alber: "Aber eigentlich geht es uns bei unserer Kritik weniger um die Fehldiagnosen, sondern darum, dass jede Diagnose etwas auslöst – ob sie richtig ist oder falsch."

Wenn Sie diese Zitate neugierig machen, dann lesen Sie den gesamten Artikel online in der NZZ oder laden Sie ihn als pdf-Datei (102 KB) herunter.

Übirigens, die beiden Interviewten Ärzte haben auch durch das Fachbuch "Schulschwierigkeiten: Störungsgerechte Abklärung in der pädiatrischen Praxis" auf sich aufmerksam gemacht, dass besonders Kinderärzte, aber auch Lerntherapeuten interessieren dürfte.