Was haben Lesen und Schreiben mit Rhythmus zu tun?

18.10.2011

Was ist Rhythmik und welche Bedeutung hat Rhythmik für das Lernen?

Rhythmik ist ein fächerübergreifendes Prinzip, das kognitive, motorische und affektiv-soziale Fähigkeiten in gleichem Maße in Gang setzt und fördert. Musik, Bewegung, Sprache und Materialien werden verbunden, die Wechselwirkung von körperlicher und psychischer Verfassung berücksichtigt.

Nach der Neuro-, Entwicklungs- und Lernpsychologie ergeben sich für Unterricht nach dem rhythmischen Prinzip folgende Erkenntnisse:

  • Rhythmik ist Lernen mit dem Körper und allen Sinnen
    Lernen ist eine Funktion des gesamten Nervensystems. Die Integration sinnlicher Erfahrungen ist die Grundlage kindlichen Handelns. Das Körperbewusstsein ist für die seelische und körperliche Entwicklung von großer Bedeutung.
  • Rhythmus ermöglicht allen Lerntypen das Lernen durch einen ganzheitlichen Unterricht
    Es gibt unterschiedliche Lerntypen. Jeder geht einen eigenen Weg beim Lernen, um Informationen aufzunehmen, zu speichern und wieder auszudrücken. Je mehr Eingangskanäle dafür genutzt werden, desto vielfältiger wird dem Lernenden ermöglicht, den Lernstoff in die Sprache und in die Assoziationsmöglichkeiten seines eigenen Grundmusters zu übersetzen.
  • Rhythmik ist ein entwicklungsbegleitendes didaktisch-methodisches Konzept
    Lernen soll sich an der kindlichen Entwicklung orientieren und den Bedürfnissen der Kinder lebendig angepasst werden.
  • Rhythmik wirkt durch Musik und Bewegung anregend und somit positiv auf die Gefühlswelt und den Lernprozess
    Wird beim Lernen auch die Gefühlswelt beachtet, entstehen beim Lernenden Erfolgserlebnisse, welche das Denken anregen und das Lernen verbessern. Im Besonderen hat die Musik eine positive Wirkung auf die Emotion. In Verbindung mit Bewegung kann Musik sinnvoll für das Lernen genützt werden.

Rhythmik für den Deutschunterricht

Musik, Sprache und Bewegung treten in der Rhythmik in eine enge Wechselbeziehung. Musik und Sprache können über Rhythmus, Takt, Tempo, Artikulation, Lautstärke, Klang, Form und Melodie die Bewegung beeinflussen, anregen, beschwichtigen, verändern …
Umgekehrt können auch Impulse aus der Bewegung auf Musik und Sprache übergehen.
Der Zusammenhang zwischen Motorik und Sprechen macht es daher notwendig, die allgemeine motorische Entwicklung zu fördern. Die Vielfalt der körperlichen Bewegungsmöglichkeiten, des menschlichen Erfahrungs- und Ausdrucksverhaltens kann Grundlage intensiver Lern- und Entwicklungsprozesse sein.

Der Rhythmus macht‘s!

Inhalte und Übungen, die das Sprechen und Lesen fördern:

  • Atemspiele, Sprechübungen, Laute richtig bilden
  • Artikulation von Sprachelementen: Vokale, Konsonanten und Silben
  • Bewegungsbegleitung mit Sprachelementen
  • Verse, Reime, Sprechformen in Verbindung mit Bewegung und Musik
  • Sprache in Verbindung mit Rhythmus und Taktarten
  • Spielerischer kreativer Umgang mit Sprache
  • Darstellendes Spiel, szenische Gestaltung
  • Erlebnisse, Beobachtungen und Gefühle mitteilen
  • Schulung von Hören und Verstehen über die Musik und Bewegung
  • Eigene Bedürfnisse, Wünsche, Empfindungen und Emotionen äußern und die der anderen verstehen und beschreiben
  • Erweitern des Wortschatzes
  • Begriffsbildung: benennen, beschreiben und vergleichen von Wahrgenommen

Übungen, die das Schreiben unterstützen:

  • Schreibformen in Verbindung mit grob- und feinmotorischen Bewegungen
  • Bewegungsrichtungen und Bewegungsformen wie: Ornamente, Motive, Buchstaben
  • Formerfassung in Verbindung mit Spielobjekten: Seile, Tücher, Stäbe, Bänder …
  • Lockerungsübungen für Schulter-, Arm-, Hand- und Fingermuskulatur
  • Schulung der Auge-Hand-Koordination
  • Spielerische Übungen zur Entwicklung des Körperbewusstseins

Übungen, die das Verfassen von Texten fördern:

  • Schriftliches Festhalten von Gestaltungsaufgaben, situationsbezogene Formulierungsübungen
  • Kreatives Schreiben – zum Beispiel Gefühle zu musikalischen Eindrücken niederschreiben
  • Gestaltungsaufgaben zum Schreibanlass machen

Rhythmusübungen, die die Rechtschreibung unterstützen:

  • Spiele zur akustischen, optischen und sprechmotorischen Differenzierung
  • Lautunterscheidungsspiele von Sprachelementen und deren Verbindung zur Rechtschreibung
  • Bewegungsspiele: kurz-lang, hart-weich
  • Bewegungsspiele zur Interpunktion, Trennung und Großschreibung

Die Rhythmik und die Silbenmethode

Aus dem methodisch-didaktischen Verständnis der Rhythmik kann die Silbenmethode nur empfohlen werden. Diese Methode des Lesen- und Schreibenlernens fördert eine Vielzahl an motorischen, sensorischen, affektiven und kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten für das Sprechen-, Lesen- und Schreibenlernen.

Die Silbenmethode geht vom rhythmischen Sprechen der Silben aus, erweitert durch das Sprechen mit synchronem Klatschen und überträgt das Rhythmisieren auf den ganzen Körper. Keine Frage, dass durch Musik ein maximaler Lernerfolg erzielt werden kann.

Durch die Koordination von Silbensprechen und Silbenschreiben wird der Schreibprozess zudem ganzheitlich unterstützt und fördert im Besonderen die Wahrnehmung für Besonderheiten der Schreibung. So z. B. von Doppelkonsonanten, ck, tz, ie und Dehnungs-h. Ebenso verinnerlichen Übungen mit Kontrastpaaren, bei denen kurze und lange Silben gegenübergestellt werden, die rhythmischen Muster und fördern nachhaltig den Lernerfolg. So fürht aus Sicht der Neurowissenschaften dieser ganzheitliche Lernprozess zu einer starken Hirnaktivität und sorgt für eine Verfestigung der Verknüpfungen im Gehirn. Das Gelernte wird dauerhaft aufgenommen.
Aus der Sicht der Rhythmik entspricht die Silbenmethode dem rhythmischen Prinzip.

Die Silbenmethode im Lese- und Schreibunterricht …

  • ist Lernen mit dem Körper und mit allen Sinnen.
  • ermöglicht allen Lerntypen das Lernen durch einen ganzheitlichen Unterricht.
  • entspricht den Bedürfnissen der Kinder
  • wirkt durch Musik und Bewegung anregend und somit positiv auf die Gefühlswelt und den Lernprozess.

Die Erfahrung mit Rhythmus und Sprache zeigt, dass jede Altersgruppe zum spontanen Mitmachen motiviert werden kann. Sprache wird durch Rhythmus bestimmt und Rhythmus spricht den Menschen emotional stark an. Das ist die Erklärung für die einzigartige Motivation und Nachhaltigkeit dieser Methode.

(Quelle: "Die Silbe im Anfangsunterricht" Festschrift zum zehnjährigen Jubiläum des Lehrgangs ABC der Tiere, erschienen beim Mildenberger Verlag; Beitrag von Mag. Ruth Klicpera)