IQ kann sich in der Pubertät stark verändern

21.11.2011

In der landläufigen Meinung ist der sogenannte Intelligenzquotient, kurz "IQ", so etwas wie eine feststehende Größe. Einmal "gemessen" wisse man, wie schlau eine Person sei.

Abgesehen davon, dass unterschiedliche Tests auch unterschiedliche Ergebnisse  hervorbringen können, zeigt die neuere Forschung, dass sich das menschliche Gehirn in der Phase der Pubertät noch einmal neu organisiert. Es ist sozusagen "im Umbau": Zahlreiche Verbindungen zwischen Nervenzellen, die im Kindesalter notwendig waren, werden im späteren Leben nicht mehr gebraucht und abgebaut, während andere, neue Verknüpfungen und Schaltstellen entstehen. Dieser Prozess findet zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr statt. Er führt nicht nur zu launischen, verschlossenen und unmotivierten Teenagern, deren Befindlichkeit für Erwachsene undurchschaubar scheint, sondern oft auch zu einer deutlichen Veränderung des IQ.

Britische Neurowissenschaftler haben festgestellt, dass der IQ-Wert sich in dieser Zeit um bis zu 20 Punkte nach oben oder auch unten verändern kann. In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung (20.10.2011, S. 20) werden die möglichen Folgen verdeutlicht: "Ein Jugendlicher, der mit zwölf Jahren über einen durchschnittlichen IQ von 100 Punkten verfügt, könnte sich im Extremfall als 16-Jähriger der Hochbegabung genähert haben oder umgekehrt als fast schon lernbehindert gelten." Bisher ist es den Forschern allerdings nicht gelungen, herauszufinden, aus welchen Gründen der IQ bei manchen Jugendlichen stark ansteigt und bei anderen abfällt.

Eines aber ist deutlich: Ein einmal getesteter IQ gibt wenig Auskunft über die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes. Er taugt nicht zur Vorhersage von Schulerfolg oder Misserfolg. So wird eine der Forscherinnen in der SZ mit folgenden Worten zitiert: "Wir müssen aufpassen, dass wir Leistungsschwache nicht in einem frühen Stadium abschreiben, wenn sie doch ihren Intelligenzquotienten in wenigen Jahren noch deutlich steigern könnten."  Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig sinnvoll, Kinder in den ersten Schuljahren nach ihrer Leistungsfähigkeit zu sortieren bzw. auszusortieren.

Und wenn man ein wenig weiterdenkt, wird durch diese Forschungsergebnisse auch die Diagnose der "Lese-Rechtschreibstörung" oder "Legasthenie" als genetische Störung, Krankheit oder Behinderung - festgemacht an der großen Diskrepanz zwischen IQ und Lese-Rechtschreibleistung - weiter fraglich.

Artikel von Chrisitian Weber in der SZ

Summary der Studie in Nature - International weekly journal of science