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Rezension: "Das lesende Gehirn"

Seit Oktober 2009 liegt mit "Das lesende Gehirn" nun auch in deutscher Sprache ein erstaunliches Buch der Neurowissenschaftlerin und Leseforscherin Maryanne Wolf vor. Von einer arrivierten Wissenschaftlerin geschrieben, ist es

  1. nicht nur lesbar, sondern geradezu spannend geschrieben,
  2. eine gut strukturierte Darstellung verschiedener Disziplinen mit ihren Perspektiven auf den Prozess des Lesens,
  3. erfrischend unideologisch und selbstkritisch
  4. und von großer Einfühlsamkeit denjenigen gegenüber geprägt, denen das Gehirn beim Lesen oft nicht so recht "gehorchen" will.

In der Zwischenzeit sind einige Rezensionen zu diesem Buch erschienen. Die meisten beschäftigen sich mit zwei der drei zentralen Themen der Autorin: einerseits mit der Entwicklung des lesenden Gehirns (ein wirklich spannender Prozess!) und andererseits mit der Gefährdung unserer kulturellen Errungenschaft des analysierenden und interpretierenden Lesens ("deep reading") durch die digitale Informationsflut.
Uns wird dagegen das dritte zentrale Thema der Autorin und des Buches beschäftigen: "Das Rätsel der Legasthenie und die Hirnstruktur"

Wolfs historischer und evolutionärer Blick auf das lesende Gehirn verdeutlicht zunächst, dass es purer Unsinn ist, nach einem "Legasthenie-Gen" zu suchen (oder gar zu behaupten, es gefunden zu haben). Die Fähigkeit zu lesen ist erst so spät in der menschlichen Entwicklung entstanden, dass es kein spezielles Gen dafür geben kann. Verschiedene genetische Komponenten, die z.B. die Entwicklung des Sprechens, des Hörens und Sehens steuern, tragen dazu bei, dass ein Gehirn in der Lage ist, lesen zu lernen. Jedes Gehirn muss dabei neue Verbindungen zwischen Strukturen herstellen, die eigentlich einmal für grundlegendere Prozesse zuständig waren. So entstehen neue "Schaltkreise" und tatsächlich auch neue Nervenbahnen und Gehirnstrukturen. "Lesen kann man nur lernen, weil das Gehirn so formbar ist, und beim Lesen wird das Gehirn des betreffenden Individuums unwiderruflich - physiologisch wie auch intellektuell - verändert."

Die Autorin geht also von einem "Leseschaltkreis" aus, den Kinder innerhalb des gelingenden Leselernprozesses aufbauen. Bei manchen Kindern funktioniert das aber nicht gerade reibungslos. Als Mutter eines Sohnes mit Legasthenie beschreibt Wolf sehr einfühlsam, was dieser Misserfolg für ein Kind und für seine gesamte Entwicklung bedeuten kann. Ausgehend von einer "Pyramide des Lesens" trägt Wolf die unterschiedlichsten Forschungsergebnisse und Thesen aus den unterschiedlichsten Zeiten und Ländern zusammen. Die resultierenden Theorien  zur Entstehung von Leseschwierigkeiten ordnet sie den verschiedenen Ebenen ihrer Lesepyramide zu, so dass ein verständlicher Überblick  entsteht. Schließlich versucht sie, die verschiedenen Vermutungen in einem neuen übergreifenden Modell zusammenzuführen.

Wer sich über dieses komplexe Modell genauer informieren will, sollte das Buch selbst lesen. Nur soviel sei gesagt: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kinder mit Leseproblemen ihren Leseschaltkreis eher in der rechten Gehirnhemisphäre "anlegen", die nicht so sehr auf präzises Arbeiten ausgerichtet ist. Kinder mit einfach gelingendem Leselernprozess lesen demgegenüber mehr mit der linken (präzisen und analytischen) Gehirnhälfte. Allerdings ist nicht klar, ob die Kinder schwerer lesen lernen, weil sie rechtshemisphärisch orientiert sind oder genau andersherum, ob sie den Leseschaltkreis rechtshemisphärisch anlegen, weil sie Leseprobleme haben. Das alte Problem mit der  Henne und dem Ei ...

Wichtig für Praktiker ist dagegen: Wolf bestätigt, dass aus allen ihr bekannten Untersuchungen hervorgeht, dass die besten Früherkennungsindikatoren für spätere Leseprobleme nach wie vor die Phonologische Bewusstheit sowie die Benennungsgeschwindigkeit (von Farben, bzw. später Buchstaben) sind.

Und auch für die Förderung der Kinder beschreibt sie klare Leitlinien:
"Fördermaßnahmen für Kinder mit Legasthenie sollten die Entwicklung jeder einzelnen Lesekomponente - von Orthographie und Phonologie bis hin zu Wortschatz und Morphologie - berücksichtigen sowie deren Verknüpfungen, ihre Verarbeitungsgeschwindigkeit und ihre Integration im Verständnisprozess."

Mithilfe dieser Kriterien können Praktiker ihre Arbeit und ihre Methoden überprüfen. Wenn dann noch eine gute therapeutische Beziehung hinzukommt, sind die Aussichten für ein "legasthenes" Kind doch irgendwann ein passabler Leser zu werden, recht günstig.


Das lesende Gehirn: Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt
Gebundene Ausgabe: 350 Seiten
Verlag: Spektrum Akademischer Verlag; Auflage: 1 (Oktober 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3827421225
ISBN-13: 978-3827421227