Das Drama der (un)begabten Bildungspolitk

21.06.2011

20 Millionen Euro jährlich fordert eine Partei (diesmal die SPD) von der Bundesregierung, um so schnell wie möglich mit Ländern und Kommunen einen "Grundbildungspakt" zu schließen. Ziel des Pakts: Die Zahl der Analphabeten in Deutschland soll halbiert werden. Am 9. Juni 2011 wurde der Antrag im Bundestag diskutiert:

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Florian Hahn (CDU/CSU)

Lassen Sie mich zunächst auf die neuen und überaus positiven Zahlen der Bundesagentur für Arbeit eingehen... Bildung ist das wichtigste Kulturgut und die zentrale wirtschaftliche Ressource unseres Landes. Da darf es nicht sein, dass fast 90 000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen... Lesen und Schreiben sind heute und künftig elementare Fähigkeiten, deren Beherrschung Voraussetzung für die Gestaltung der eigenen Biografie ist. Nur so ist es möglich, am öffentlichen Leben teilzunehmen... Mit der erschreckend hohen Zahl funktionaler Analphabeten in unserem Land dürfen wir uns nicht abfinden... Daher ist der erste Ansatz, den die Bundesregierung in Angriff genommen hat, bereits im Rahmen der frühkindlichen Erziehung Defizite rechtzeitig zu erkennen und zu beheben, bevor diese sich dann verfestigen und zu späterem Analphabetismus führen, so immanent wichtig... Im Rahmen seiner Zuständigkeit engagiert sich das BMBF schon seit Jahrzehnten im Bereich Alphabetisierung... So hat die Bundesregierung 2006 durch das BMBF seine Förderung neu ausgestaltet und in einem Förderschwerpunkt "Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" gebündelt...
Wir empfehlen, den Antrag der SPD an den Ausschuss für Bildung, Forschung und Technologiefolgenabschätzung zu überweisen.

Marcus Weinberg (Hamburg, CDU/CSU):

Lesen und Schreiben können, ist grundlegend. Denn es bedeutet, an der Gesellschaft teilzuhaben und sich ihr nicht verschließen zu müssen... Jedoch hält Ihr Antrag leider wenig Überraschendes bereit... Und werte Kollegen der SPD-Fraktion, Sie begeben sich mit Ihrem Antrag keinesfalls auf politisches Terrain, das die Bundesregierung bisher vernachlässigt hätte... Genau das Gegenteil ist der Fall: Die Bundesregierung hat das Thema Alphabetisierung und Grundbildung bereits seit längerem auf ihrer Agenda... 
Ich fordere Sie daher auf, lieber gemeinsam mit uns den eingeschlagenen Weg fortzusetzen und abseits von Parlamenten und Verwaltungen die Gesellschaft zu mehr gegenseitiger Unterstützung zu bewegen und im gesellschaftlichen Konsens Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland nachhaltig zu erreichen.

Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD):

Mit unserem Antrag "Alphabetisierung und Grundbildung in Deutschland fördern" wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass endlich ein bildungspolitisches Tabu aufgebrochen wird... Immerhin hat sich die damalige Bundesregierung 2003 zusammen mit den Akteuren der Alphabetisierungsarbeit auf die nationale Umsetzung der Weltalphabetisierungsdekade verpflichtet, die als Ziel hatte, bis 2012 die Anzahl der Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, weltweit zu halbieren...
Das ist allerdings die Aufgabe von uns als Parlamentarier und Regierung, denn sonst sind die vielen betroffenen Menschen einmal mehr im Tabu allein gelassen. Das haben sie allerdings wahrlich nicht verdient.

Oliver Kaczmarek (SPD):

Die hohe Zahl von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland ist in mehrfacher Hinsicht eine besondere Mahnung... Deshalb fordert die SPD-Fraktion auch einen umfassenden Grundbildungspakt, den der Bund mit den Ländern und Kommunen abschließen sollte... Uns ist jedoch besonders wichtig, dass wir nun endlich in einen intensiven Dialog mit den Akteuren der Alphabetisierung und Grundbildung eintreten, um etwas für die Betroffenen zu erreichen...
Denn wir können und wir wollen es uns vor allem nicht leisten, dass 7,5 Millionen Menschen aufgrund von funktionalem Analphabetismus von vollständiger gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen bleiben.

Sylvia Canel (FDP):

Die jüngsten empirischen Befunde machen darauf aufmerksam, dass die Zahl derjenigen, die nur ein rudimentäres Textverständnis – funktionaler Analphabetismus – aufweisen, bei 14,5 Prozent – 7,5 Millionen Menschen
– der erwerbsfähigen Bevölkerung liegt... Der größte Teil, 32,6 Prozent der Betroffenen, befindet sich in den Alterskohorten der 50- bis 64-Jährigen. Beunruhigend sind jedoch vor allem die 20 Prozent der funktionalen
Analphabeten im Alter zwischen 18 und 29 Jahren... Der Antrag der SPD greift also ein Thema auf, das durchaus von bildungspolitischer und ökonomischer Relevanz ist... Es muss leider festgehalten werden, dass die Abbrecherquote
der SPD-geführten Bundesländer Berlin – von 9,9 Prozent auf 11,5 Prozent –, Brandenburg – 11,7 Prozent auf 13 Prozent – und Mecklenburg-Vorpommern
– 12,1 Prozent auf 16,8 Prozent – in den vergangenen Jahren auf ein trauriges Rekordniveau gestiegen sind, während sich die Bildungsinvestitionen von Baden- Württemberg – 6,3 Prozent auf 5,6 Prozent –, Bayern – 7,2 Prozent auf 6,4 Prozent – und Hessen – 8,1 Prozent auf 7 Prozent – auszahlen...
Da der Kampf gegen den Analphabetismus vor allem in der Schule gewonnen oder verloren wird, ist diese zweigeteilte Entwicklung durchaus beachtenswert... Diesbezüglich stehen zunächst einmal Kommunen und Länder in der Pflicht.

Dr. Rosemarie Hein (DIE LINKE):

Analphabetismus ist trotz der vermeintlich guten Schulbildung in Deutschland seit Jahren ein bekanntes Problem... Der Antrag der SPD allerdings zielt zunächst darauf, die Symptome zu bekämpfen... Wenn aber die Ursachen nicht hinreichend klar sind, wird es schwer, wirksame und nachhaltige Gegenstrategien zu finden.
Es gibt offensichtlich noch einen erheblichen Forschungsbedarf... Die Probleme des Analphabetismus sind lange bekannt. Abhilfe ist hier nicht in einem einmaligen Kraftakt und in kurzen Zeiträumen zu schaffen.

Petra Hinz (Herborn, BÜNDNIS 90/GRÜNEN):

Mit der aktuellen leo-Level-One-Studie liegen nun endlich zum ersten Mal nationale, belastbare und differenzierte Daten zur Literalität im Level-One-Bereich vor, dem untersten Kompetenzniveau im Lesen und Schreiben...
Die Ergebnisse der Studie, die uns seit Anfang März vorliegen, sind erschreckend... Das Problem des Analphabetismus ist in Deutschland lange Zeit nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein gewesen... Ein besonderer Handlungsauftrag für die Politik liegt in der erschreckenden Tatsache, dass die meisten dieser funktionalen Analphabeten in Deutschland eine Schule besucht haben und dort offenbar Lesen und Schreiben nur unzureichend gelernt oder später wieder verlernt haben. Wissenschaftler bestätigen den Verdacht, dass viele der späteren Analphabeten in der Schulzeit nur schlecht, aber zumindest hinreichend, lesen und schreiben können, dass diese Fähigkeit nach dem Verlassen der Schule jedoch verkümmert, wenn sie nicht gepflegt wird...
Wir fordern, dass Bund und Länder endlich initiativ werden um gemeinsam Programme zur Bekämpfung des Analphabetismus zu erarbeiten und umzusetzen.

Bundestagsvizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:

Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Drucksache 17/5914 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden?
– Das ist der Fall.
Dann ist das so beschlossen.

Das gesamte Protokoll "Ich rufe Tagesordnungspunkt 24"

Hilfen und Informationen bietet auch unser Alphabetisierungs-Kooperationspartner, der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung.