Förderung beginnt bei der Motorik

13.05.2011

Die Vorgeschichte – persönliche Erfahrungen einer Lehrerin   "Vor einigen Jahren übernahm ich in einer 3. Klasse den Sportunterricht für eine erkrankte Kollegin. Aus ihrer Klasse kannte ich nur die Kinder, die bei mir am Förderunterricht für Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche teilnahmen. Es fiel mir auf, dass diese alle Probleme bei der Ausführung von Über-Kreuz-Bewegungen hatten. Keines dieser Kinder bewegte sich sicher. Jede Änderung von Bewegungsrichtungen musste länger geübt werden. Kein Kind aus dieser Gruppe zeigte Ausdauer, sie mussten speziell motiviert werden. Das Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten im Bereich Sport war sehr gering.

Viele dieser Kinder übten die Bewegungsabläufe zu Hause. Sie kamen voller Stolz in den Unterricht und führten als besondere Leistung Bewegungsabläufe vor, die für andere Kinder der Altersgruppe selbstverständlich waren. Einfache Koordinationsübungen sowie Übungen zur Muskelspannung und -entspannung hatten zur Folge, dass die Kinder körperlich entspannter waren, Aufgaben schneller bearbeiteten, eine bessere Konzentration und Motivation im Unterricht zeigten.
Diese Beobachtungen veranlassten mich zu einer näheren Beschäftigung mit den Lernvoraussetzungen der Kinder zu Beginn der Schulzeit. Ich stellte fest, dass nur das genaue Betrachten bestimmter motorischer Voraussetzungen aller Kinder einer Klasse Defizite sichtbar werden lässt. Ich stellte auch fest, dass Auswirkungen auf Lernprozesse durch einfache Übungen gemildert werden können." (Annegret Engel)

Vier wichtige Aspekte für Förderung und Diagnose

Besonders vier Bereichen sollte bei der Förderung und Diagnose in der Grundschule Aufmerksamkeit geschenkt werden:

•    Motorik
•    allgemeines Verhalten
•    Sprache
•    Mathematik

Dabei bedingt jeder Bereich einen anderen:
Wissen aufzubauen und grundlegende Kompetenzen zu entwickeln ist nur möglich, wenn die Kinder Informationen aufnehmen und verarbeiten können. Das hängt wiederum von ihren sprachlichen Kompetenzen ab. Eigenständiges und selbstverantwortliches Lernen kann zudem nur erfolgen, wenn es nicht durch das allgemeine Verhalten des Kindes behindert wird. Das allgemeine Verhalten wiederum sowie die sprachlichen Fähigkeiten hängen von der sensomotorischen Entwicklung des Kindes ab. Den Anfang macht daher immer die Motorik.

Im einzelnen:

a. Motorik
= sicheres Körpergefühl, ausgeprägtes Gleichgewichtsempfinden, gute visuelle und akustische Wahrnehmung

Die Motorik eines Menschen kann durch Beobachtung erfasst werden. Sie gibt Rückschlüsse auf seinen Entwicklungsstand. Die Förderung beginnt immer mit der motorischen Förderung, weil eine gute entwickelte Sensomotorik eine Voraussetzung für den erfolgreichen Ablauf von Lernprozessen ist.

b. allgemeines Verhalten

= Lernbereitschaft, positives Arbeitsverhalten, Konzentrationsfähigkeit, stabiles emotionales und soziales Verhalten, Selbstkontrolle

Das Verhalten eines Menschen zeigt seine Einstellung zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen, zu Dingen und zu seiner Umgebung. Es wirkt sich auf die Aufnahme von Informationen und die Entwicklung von Kompetenzen aus. Das Verhalten der Kinder muss daher als nächstes beobachtet werden. Eine Förderung findet am besten dadurch statt, wenn sie täglich durchgeführt wird und sich möglichst alle Lehrkräfte dem Kind gegenüber nach Absprache gleich verhalten.

c. Sprache

= Sprachfähigkeit im Ausdruck und im Verständnis der deutschen Sprache, Anweisungsverständnis, Sprachgedächtnis, gute Wahrnehmungsfähigkeit im Bereich des Hörens, phonologische Bewusstheit (Grundkenntnisse über Silben, Reime und Anlaute)

In einer normalen Schule erfolgen die Weitergabe von Informationen, die Anregung von Handlungsvorgängen sowie Denkprozesse durch die gesprochene und geschriebene deutsche Sprache. Die Fähigkeiten im Umgang damit wirken sich auf alle anderen Lebensbereiche aus. Die Sprache hat eine Schlüsselstellung. Die Förderung erfolgt außer durch die gesprochene Sprache auch durch Musik, Rhythmik, Mimik, Tonfolgen und Kunst.

d. Mathematik

= Mengenauffassung, Merkfähigkeit bezüglich Zahlen, Vergleichen und Sortieren von Mengen, Ordnen von Mengen, vorwärts und rückwärts zählen, Herstellen von Relationen.

Der Umgang mit und die Kenntnisse über Mengen können durch Beobachtung erfasst werden. Der Bereich Mathematik benötigt bestimmte Voraussetzungen in der Mengenauffassung, ohne die das Anfangslernen in diesem Fach nicht erfolgen. Diese Voraussetzungen müssen geschaffen werden, bevor Unterrichtsinhalte von den Kindern aufgenommen werden können. Sind sie nicht vorhanden, können Rechenvorschriften auswendig gelernt, aber nicht verstanden werden. Die sprachlichen Voraussetzungen des Kindes müssen so sein, dass feine Unterscheidungen verstanden werden.

Die Auswirkung von Störungen am Beispiel der Motorik

Im Kleinkindalter entwickelt der Mensch die Nahsinne, wie z. B. die Wahrnehmung des inneren Körpers, den Hautsinn, den Stellungs- und Spannungssinn und den Gleichgewichtssinn.
Die gute Vernetzung dieser Sinne ist die Voraussetzung für sicheres Stehen, Gehen usw. Jede Bewegung erfordert eine Planung innerhalb des Gehirns und die Ausführung in einer genauen Reihenfolge. Diese Bewegungsplanung ist auch Bedingung dafür, Handlungen planen zu können.
Das gute Funktionieren der Nahsinne ist Voraussetzung für die Fernsinne (Sehen und Hören). Diese wiederum sind Voraussetzung für den Umgang mit Sprache und das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen.
Sind bei der Entwicklung der Nahsinne in der Kleinkindzeit Störungen aufgetreten, kann ein Kind also Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen bekommen.
Bei geringen Störungen im sensomotorischen Bereich entwickeln intelligente Kinder oft Vermeidungsstrategien. Wenn eine Schwäche in der Handlungsplanung vorliegt, schaut es erst, wie andere Kinder eine Arbeit beginnen. Werden in der Schule komplexe Handlungsvorgänge erwartet, so helfen die Vermeidungsstrategien jedoch nicht mehr und die Schwäche tritt zu Tage.

Die Störungen können wie folgt aussehen:

a. Hautsinn – taktile Wahrnehmung
Ist die taktile Wahrnehmung gestört, so kann sich ein Kind folgendermaßen verhalten: Ängstlichkeit, Wutanfälle, Panik bei Veränderungen des gewohnten Ablaufs, Überreaktion auf unbekannte Geräusche, geringe Eigeninitiative, Stifte werden nicht richtig verwendet, weil sie nicht entsprechend gespürt werden.

b. Stellungs- und Spannungssinn, Tiefensensibilität – kinästhetische Wahrnehmung
Ein Merkmal ist unter anderem ein schwacher Muskeltonus. Die Kinder erscheinen schwach, stützen häufig den Kopf in die Hand, da sie viel Energie benötigen, um Kopf und Körper gegen die Schwerkraft aufrecht zu halten. Sie fallen oft vom Stuhl, brechen Stifte ab und fallen hin. Schwierigkeiten treten auf beim Nachbauen oder Legen von Figuren und beim Abschätzen von Entfernungen und Abständen – Fähigkeiten, die für den Mathematikunterricht wichtig sind. Die Kinder zeigen langsame Arbeitsweisen, Merkschwäche und wenig Handlungsstrategien. Das Selbstbewusstsein dieser Kinder ist meist gering.

c. Gleichgewichtssinn – vestibuläre Wahrnehmung
Kinder mit einer Störung im Gleichgewichtsorgan versuchen meist, diese Schwäche durch visuelle Wahrnehmung auszugleichen. Wird jetzt vom Gehirn zusätzlich verlangt, Arbeitsaufträge aufzunehmen und auszuführen, kann das Kind vom Stuhl fallen, da das Gehirn nicht länger das Gleichgewicht halten kann. Zu viele Aktionen gleichzeitig werden vom Gehirn gefordert. Die Vernetzungen, die automatisch im Hintergrund das Gleichgewicht halten, fehlen oder sind schwach ausgeprägt. Erhält das Kind zu wenige Informationen aus dem Gleichgewichtsorgan, benötigt das Gehirn vermehrt Informationen über die Körperlage im Raum, um das Gleichgewicht halten zu können. Das Kind verändert also ständig seine Lage, damit das Gehirn die notwendigen Raum-Lage-Informationen erhält. Es zappelt und das Kind kann die Unterrichtsinhalte nicht erfolgreich aufnehmen.

d. Visuelle Wahrnehmung
Ist die visuelle Wahrnehmung gestört, kann ein Kind z. B. nicht richtig einordnen, ob etwas rechts, links, oben oder unten liegt. Es kann d und b nicht richtig unterscheiden und hat ein Problem mit der Raum-Lage-Wahrnehmung. Manche Kinder sehen nicht, was vor ihnen liegt. Sie können optisch nicht die Lage von Gegenständen im Raum auf die Person bezogen einordnen. Diese Kinder haben ein Problem mit der Wahrnehmung räumlicher Beziehungen. Sie fallen über Gegenstände und finden ihre Arbeitsmaterialien nicht wieder.


Diagnosebogen, Aufgaben- und Förderbeispiele für den Bereich Motorik finden Sie in dem kostenlosen Mildenberger-Verlag Download.
 
(Die entsprechenden Ausführungen zu den drei anderen wichtigen Bereichen – allgemeines Verhalten, Sprache und Mathematik – sowie Lieder, Spiele, Reime, Zungenbrecher, Kopiervorlagen und ein Vordruck für einen individuellen Förderplan finden Sie in dem Werk "Lernen erleichtern" von Annegret Engel, dem auch die vorliegenden Ausführungen entnommen sind. "Lernen erleichtern2 ist erschienen im Mildenberger Verlag.)