Diagnose Legasthenie als Ausweg aus dem Schulstress?
In Bayern gab es Zwischenzeugnisse und aus diesem Anlass einen ausführlichen Artikel auf Seite 2 des Münchner Teils der Süddeutschen Zeitung (17. Februar 2011, Seite R2). Tina Baier beschäftigt sich unter dem Titel „Üben! Üben! Üben!“ mit der Not zahlreicher Grundschüler.
Sie spricht von „ausverkauften Lernhilfen, Proben im Internet, Tränen im Klassenzimmer“ und darüber, wie schon Erstklässler die Frage beschäftigt, ob sie es auf das Gymnasium schaffen oder nicht. Einfühlsam wird hier mit Unterstützung einiger Experten beschrieben, unter welch extremem Leistungsdruck Eltern, Kinder und auch Lehrkräfte in einem stark selektiven Bildungssystem stehen.
Diese Zusammenschau wäre sicher sehr löblich, würde nicht ganz am Ende des gut halbseitigen Artikels noch schnell versucht, eine Art Ausweg aus dieser Misere aus dem Hut zu zaubern:
"Bei ernsthaften Schwierigkeiten rät Freisleder, früh professionelle Hilfe zu suchen. Wenn sich dann beispielsweise herausstellt, dass ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, weil es an Legasthenie leidet, nehme das oft viel Druck aus der ganzen Familie: Die Eltern machen sich nicht mehr den Vorwurf, versagt zu haben, und das Kind hat weniger Stress in der Schule, weil die Lehrer die Diagnose bei Prüfungen berücksichtigen." (Franz-Joseph Freisleder, ärztlicher Direktor des Heckscher-Klinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie)
LegaKids möchte diese Sätze nicht unkommentiert lassen.
"Bei ernsthaften Schwierigkeiten rät Freisleder, früh professionelle Hilfe zu suchen."
In diesem Artikel wird intensiv beschrieben, wie unser Schulsystem mit Notendruck und Selektion „ernsthafte Schwierigkeiten“ bei den Kindern produziert – von Schulängsten über Lernblockaden, soziale Ausgrenzung, Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, bis hin zu Aggressionen, Autoaggressionen u.v.m. Nun plötzlich braucht das Kind professionelle Hilfe (nicht etwa das Schulsystem).
"Wenn sich dann beispielsweise herausstellt, dass ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, weil es an Legasthenie leidet ..."
Die professionelle Hilfe besteht in der kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnose „Legasthenie“. Einige Kinder bekommen damit den Status eines (kranken, gestörten oder behinderten) "Legasthenikers" mit weitreichenden Folgen - unter anderem auch bei zukünftigen Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherungen. Ein Großteil der Grundschullehrkräfte beklagt laut einer aktuellen Umfrage, dass ihre Ausbildung im Bereich Didaktik der Schriftsprache und insbesondere zu Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb mangelhaft sei – d.h. die meisten Lehrer werden gar nicht darauf vorbereitet, Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen und erst recht nicht, ihnen bei Schwierigkeiten beizustehen. Deshalb wird die „Störung“ einfach im Kind verortet: Es leidet an „Legasthenie“.
Und meist wird – wie die Pädagogik-Professorin Erika Brinkmann ergänzt - vollkommen ausgeblendet, dass große Entwicklungsunterschiede normal sind: „Kinder in einer Schulklasse sind unterschiedlich weit und leisten Unterschiedliches. Auch wenn alle Kinder einer Klasse große Fortschritte machen (von ihrem Entwicklungsniveau aus) lässt unser rigides Zensurensystem keine Würdigung der Fortschritte aller Kinder zu und stempelt in jeder Gruppe (egal wie gut sie ist) einige Kinder als Versager ab.“
"… nehme das oft viel Druck aus der ganzen Familie: Die Eltern machen sich nicht mehr den Vorwurf, versagt zu haben ..."
"Das Etikett 'Legasthenie' wird in der Tat von vielen Eltern als entlastend wahrgenommen - bis hin zu der Einschätzung 'dann kann/ braucht man auch nichts mehr machen'. Andere erleben die 'Diagnose' als Urteil, das ihnen die Hoffnung auf jede Entwicklungsmöglichkeit nimmt", sagt der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann. „Beides“, so Brügelmann „ist unbegründet und unproduktiv. Gleich aus welchen Gründen Schüler/innen besondere Schwierigkeiten mit dem Lesen und/ oder Rechtschreiben haben: man muss bei jedem Kind seine spezifischen Probleme erheben und eine Förderung auf diese individuellen Schwierigkeiten abstimmen. Die – zudem sehr umstrittene - Globaldiagnose 'Legasthenie' hilft dabei nicht: weder erspart sie diesen Aufwand noch verurteilt sie zum Aufgeben.“
Erfahrene LRS-Förderkräfte berichten, dass sie oft einige Monate Motivationsarbeit brauchen, um ein Kind zu überzeugen, dass es trotz der Diagnose „Legasthenie“ lesen und schreiben lernen kann.
"… und das Kind hat weniger Stress in der Schule,"
Neben der offensichtlichen Entlastung durch einen gewissen Notenschutz, bekommt das Kind oft mehr Stress. Wenn es keine entsprechende Förderung erhält, wird der Abstand zu den Mitschülern immer größer, die Versagensängste werden trotz und gerade wegen der Diagnose verstärkt, nicht selten tritt eine zusätzliche Stigmatisierung und Ausgrenzung als „Legastheniker“ ein. Eine medizinische Diagnose hilft gar nichts, wenn die pädagogische Förderung nicht einsetzt. Und wenn es eine gute pädagogische Förderung gibt, braucht es keine künstliche und wissenschaftlich unhaltbare Zuordnung der Kinder in „Legastheniker“ und „Nicht-Legastheniker“.
"… weil die Lehrer die Diagnose bei Prüfungen berücksichtigen."
Kinder, die als "Legastheniker" diagnostiziert werden, haben in der Schule noch immer weniger Chancen als andere. Der sogenannte Nachteilsausgleich für diese Kinder ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt, wird von Schule zu Schule, ja von Lehrkraft zu Lehrkraft unterschiedlich gehandhabt und endet meist abrupt in einer bestimmten Klassenstufe. Zudem müssen Eltern und Kinder bei Schulwechseln etc. mit einer erneuten kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnose nachweisen, dass das Kind noch immer „Legastheniker“ ist oder „LRS hat“. D.h. das Kind darf eigentlich gar nicht so recht wirkliche Fortschritte machen, um seinen Sonderstatus nicht zu gefährden. So wie unser Notensystem beschaffen ist, müssen zudem andere Kinder schlechtere Zensuren erhalten, um den üblichen Schnitt wieder zu erreichen. Und so geraten dann wieder andere Kinder in „ernsthafte Schwierigkeiten“, für die sie professionelle Hilfe benötigen ...
Wahrscheinlich hat Herr Freisleder das mit seinen Ausführungen nicht beabsichtigt, aber er hat Lurs doch eine große Freude damit gemacht.
Zitat aus der Süddeutschen Nr. 39, 17.Februar 2011, Seite R2 "Üben! Üben! Üben"
Am gleichen Tag hat Hans Brügelmann in der SZ Stellung genommen:
"Das System erzwingt, dass es Verlierer gibt" PDF (464 KB)




