Legasthenie – eine Krankheit, eine Behinderung, eine Störung?

Recht auf Bildung und individuelle Förderung statt Selektion und Stigmatisierung

Zusammenfassung des Artikels von

Britta Büchner, Michael Kortländer
Birgit Werner, Nicole Robering, Friedrich Schönweiss
(April 2009)

Nicht bei allen Kindern gelingt das schulische Lernen reibungslos. In dieser Phase werden die Diskrepanzen zwischen dem Entwicklungs- und Lernstand von Kindern und dem Lehrangebot von Schule immer größer. Gleichzeitig zeichnet sich zunehmend eine gesellschaftliche Tendenz ab, die Kinder als krank, gestört oder behindert einzustufen, deren Verhaltensformen und Begabungsprofile in irgendeiner Form von einer engen Norm abweichen.

Die Tendenz zur Pathologisierung der Kinder geht nicht nur an der Sache vorbei – weil Kinder zu jedem Zeitpunkt die Förderung erhalten sollten, die sie benötigen – sie ist ihnen gegenüber ungerecht. Vor allem aber hat sie weitreichende individuelle, familiäre, schulische und gesamtgesellschaftliche Folgen. Am Beispiel "Legasthenie" möchten wir einige der Folgen darstellen.

Für das Selbstkonzept und für das Lernen der betreffenden Kinder hat es weitreichende Konsequenzen, wenn die Ursachen der Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb als Störung, Krankheit oder Behinderung primär im Kind verankert werden.

Kindern droht zusätzliche Stigmatisierung 

Einige Familien erleben die Diagnose "Legasthenie" als Erleichterung. Sie berichten davon, ihren Problemen nun endlich einen Namen geben zu können und damit nicht mehr allein zu sein. Vor allem erfahren sie ein Gefühl der Entlastung, weil schließlich niemand Schuld ist an der "Krankheit Legasthenie". Für andere Familien und betroffene Kinder kommt die Diagnose einer Katastrophe gleich. Sie berichten von dem Empfinden ein "krankes" oder irgendwie "gestörtes" Kind zu haben, sowie von Hilflosigkeit und Lähmung – ihrer eigenen und der des Kindes –, die mit dieser Diagnose einhergehen.

Eigenmotivation und Selbstheilungskräfte werden gebremst

Kinder, denen vermittelt wird, dass sie aufgrund einer Krankheit oder hirnphysiologischen Störung nicht richtig lesen und schreiben können, gelangen schnell zu dem Schluss: "Wenn es eine Krankheit ist, dann kann ich selbst nichts daran machen. Dann muss ein Arzt meine Schwierigkeiten wegmachen."

Zuständigkeiten werden verlagert

Schulen und Lehrkräfte sind für die Behandlung von Krankheiten nicht zuständig. Wird die Legasthenie als Krankheit begriffen, so sind die Lese-Rechtschreibprobleme des Kindes letztlich nicht mehr Gegenstand der schulischen Bildung.

"Kind, mach ja viele Fehler": Die Gefahr der Gefälligkeitsgutachten 

Kinder mit mindestens durchschnittlicher bis hoher Intelligenz und einer hohen Diskrepanz zu ihrer schwachen Lese-Rechtschreibleistung gelten als legasthen (und damit als potentiell krank, bzw. behindert). Neben dem Intelligenztest werden ein Rechtschreibtest und ein Lesetest durchgeführt. Alle diese Verfahren sind von unterschiedlicher Qualität, Messgenauigkeit und Aussagekraft. Testleiter könnten daher jeweils unterschiedliche Tests verwenden, je nachdem, ob sie ein Interesse daran haben, dass das Kind besser oder schlechter abschneidet. Jeder, der selbst schon einen Rechtschreibtest durchgeführt hat, weiß, wie leicht ein solcher Test alleine schon durch die Aussprache der Testwörter zu manipulieren ist.

Der Begriff Krankheit suggeriert eindeutig feststellbare Diagnose und medizinisch orientierte Behandlung

Im Umgang mit den vielfältigen Problemen im Bereich Lesen und Schreiben ist ein ergänzendes Miteinander der Professionen zwingend notwendig. Dieses Ineinandergreifen wird durch einseitig medizinisch orientierte Diagnosen bzw. Deutungen erschwert.

Defizite des Kindes werden in den Mittelpunkt gerückt

Die Etikettierung als "Legastheniker" in Kombination mit dem Krankheitsbegriff lenkt die Aufmerksamkeit der Eltern und Lehrkräfte nahezu ausschließlich auf die Defizite des Kindes: Die Störung bzw. Krankheit müsse therapiert werden, andernfalls habe das Kind kaum Chancen. Steht der Begriff "Legasthenie" als Behinderung im Vordergrund, fördert dies auch die Bereitschaft der anderen Kinder zu Hänseleien etwa als "Legasthenie-Depp" oder "Lega-Baby".

Vorwissen, Vorerfahrungen und Kompetenzen der Kinder werden ausgeblendet 

Ein Krankheitssyndrom geht davon aus, dass der Betroffene gar nicht in der Lage ist, eine Anforderung zu erfüllen. Doch auch Kinder mit gravierenden Problemen beim Erlernen des Lesens und/oder Schreibens bringen Vorwissen, Vorerfahrungen und Strategien mit, die für den Erwerb von schriftsprachlichen Kompetenzen wichtig und sinnvoll sind. Diese müssten von Lehrkräften erkannt, bestärkt und sinnvoll genutzt werden.

Wesentliche, das Kind umgebende Situationen werden ausgeblendet

Eine Zuschreibung als "Krankheit" vermeidet den Blick auf die Situation, in der das Kind die Gelegenheit bekommt (oder auch nicht) so lesen, schreiben und rechnen zu lernen, wie es seinen Möglichkeiten entspricht. Andere Verursachungsfaktoren wie familiäre, sozialisationsbedingte und schulische Faktoren werden ausgeblendet. Die Annahme, dass Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb eine Krankheit sind, die irgendwie geheilt werden muss, eröffnet einen Sonderraum für das Lesen und Schreiben, quasi ein "Krankenzimmer". Lesen und Schreiben findet dann in einer "Therapie" statt und wird losgelöst von alltäglichen Lese- und Schreibanlässen, bzw. solche "natürlichen" Schreib- und Leseanlässe müssen in der Förderung künstlich geschaffen werden.

Ausblenden einer ressourcenorientierten Diagnostik 

Die Krankheitsdiagnose beschränkt sich auf die Frage: Was kann das Kind nicht? Eine medizinisch-psychologische Diagnostik konzentriert sich auf das Sortieren und Einordnen der Defizite. Eine förder- und ressourcenorientierte Diagnostik fragt demgegenüber: Was kann das Kind und wie muss sich die Situation verbessern, damit das Kind besser lernen kann?

Die Definition von Legasthenie als Krankheit, Störung oder Behinderung führt zu Selektion und Chancenungleichheit

Das Label "Legastheniker" befördert eine weitere Chancenungleichheit innerhalb unseres Bildungssystems. Probleme der Schulen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sind, Chancengerechtigkeit für alle Schüler anzubieten, werden noch verstärkt. Darunter leiden im Übrigen nicht nur Kinder und Eltern, sondern auch viele Lehrkräfte.

Schlussfolgerungen

Es geht nicht darum, den Begriff "Legasthenie" völlig aus unserem Wortschatz zu verbannen. "Legasthenie" ist ein historisch gewachsener Begriff, der nicht aus der Diskussion um Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb wegzudenken ist. Schwierigkeiten im Umgang mit der Schriftsprache haben vielfältige Ursachen, Erscheinungsformen und Ausprägungen. Zur Unterstützung der Kinder wie auch der Lehrer benötigen wir Fachkräfte, die sich in dem Bereich Schriftspracherwerb weitergebildet haben und konkurrenzfrei mit den Schulen zusammenarbeiten. Lese- und Rechtschreibtests können aufzeigen, in welchen Bereichen pädagogisch unterstützt werden muss - als diagnostisches Mittel zur Feststellung einer "Krankheit" taugen sie nicht. Das Label "Krankheit" oder "Behinderung" kann nicht das Kriterium sein, um einem Kind professionelle pädagogische Förderung und finanzielle Unterstützung zu gewähren.

Wenn es gelingt, sich von vorschnellen Attribuierungen und wechselseitigen Schuldzuweisungen zu befreien, und den tatsächlichen Unterstützungsbedarf unserer Kinder in den Blick zu nehmen, wird es möglich, sich einem neuen Zusammenspiel von Schule, außerschulischer Förderung und Eltern anzunähern, das allen Kindern jene Förderung zukommen lässt, die sie benötigen. 

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Hier finden Sie den ausführlichen Artikel als pdf-Datei (20 Seiten, 888 KB).

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