Lernwege
Früherkennung und -förderung im Bereich des Schriftspracherwerbs (Lesen und Schreiben)
Jeder Mensch kann lernen;
jeder Mensch lernt;
jeder Mensch lernt anders
Prof. Dr. B. Werner - PH Heidelberg
(Sie können auch die fachsprachliche Version dieses Textes lesen.)
Die Meinung, menschliche Lern- und Entwicklungsprozesse verlaufen nach strengen hierarchischen Phasen oder Stufen ist heute weitgehend überholt. Wenn kindliche Entwicklungs- und Lernprozesse anders verlaufen als wir es erwarten, sollten wir zuerst über unsere Vorstellungen, unsere Erwartungen, über unser Wissen über Entwicklungen nachdenken.
Ohne jedoch genau wissen zu können, wie Entwicklung verläuft, ist es für uns als Eltern, Therapeuten, Lehrkräfte usw. wichtig, Entwicklungsimpulse, die von den Kindern ausgehen, wahrzunehmen und zu nutzen. Für ein Kind liegt der Reiz des Lernens nicht im Endprodukt "Wissen/Fakten", sondern im Lernprozess selbst. D.h. für ein Kind ist es reiz- und sinnvoll zu lernen, wenn es sich ganz nach seinen eigenen Wünschen und Möglichkeiten die Welt aneignen, erschließen, sie erforschen, ausprobieren kann.
Vor allem intentionale (wie z.B. die schulischen) Lernergebnisse sind vergleichbar, die Wege dorthin jedoch kaum.
Im Gegensatz zu früheren Auffassungen, gehen wir heute davon aus, dass Lernerfolge wesentlich stärker vom Vorwissen des Kindes als von seiner Intelligenz abhängen.
Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Lernen lassen sich zwar beobachten, aber nur insofern, dass es intelligenten Menschen besser und effizienter gelingt, Wissen zu erwerben. Stern fasst diesen Zusammenhang prägnant zusammen: "Auch intelligente Menschen müssen lernen und weniger intelligente Menschen können lernen" (2007, 175). Wirklich intelligenter aber werden wir nur durch die Auseinandersetzung mit anspruchsvollen Inhalten.
Erfolgreiches Lernen findet statt, wenn eingehende Informationen an bestehendes Wissen angebunden werden (268).
Was aber wissen wir nun über erfolgreiches Lesen, Schreiben und Rechnen lernen?
Gerade in diesen beiden schulrelevanten Fächern wird besonders deutlich, dass erfolgreiches Lernen eben nur indirekt von der Intelligenz abhängt: entscheidender ist für beide Bereiche das (fachspezifische) Vorwissen. Intelligenz kann dabei lediglich den Erwerb und den Abruf des notwenigen Wissensbasis steuern, dieses (fehlende bzw. noch nicht vorhandene Wissen) aber keinesfalls ersetzen.
Als ein wichtiger Prädiktor für spätere schulische Schriftsprachkompetenz hat sich ein Wissensbereich herauskristallisiert, der als phonologische Bewusstheit charakterisiert wird. Dieser spezifische Wissensbereich erfasst das Wissen über die Lautstruktur unserer Sprache, z.B. dass sich Worte reimen, dass Worte mit unterschiedlichen Lauten beginnen usw. Er beschreibt das Gespür der Kinder für die Sprache; erfasst ihre Idee davon, wie Sprache klingt. Die Kinder lernen, ihre Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf den Inhalt der Rede, sondern auf die Struktur der Sprache und ihren Aufbau zu richten:
- Einen Satz in die einzelnen Wörter zerlegen
- Hören, ob zwei Wörter sich reimen
- Silben klatschen
- Den ersten Laut im Wort erkennen
- Ein Wort in die einzelnen Laute zerlegen
Frühe Buchstabenkenntnisse sowie das Arbeitsgedächtnis sind weitere wichtige Wissensbereiche.
Da bei all diesen Variablen keine linearen, monokausalen Zusammenhänge zu einer LRS bzw. einem Schulleistungsversagen in Deutschunterricht abgeleitet werden können, wird empfohlen, eine differenzierte Diagnose Fachvertretern zu übertragen.
Sinnvolle Übungsformen für den gesamten Prozess des Schriftspracherwerbs sind folgende:
- Lieder singen
- Reim- und Klatschspiele
- Rhythmusübungen
- Kritzelbriefe schreiben,
- Notizen/Einkaufszettel verfassen;
- Bildergeschichten lesen
- Symbol-Lesetexte (Icons, Verkehrs-, Hinweisschilder) deuten
- Buchstabenkombinationen und Signalwörter lesen (Namen/Reklame/Markenbezeichnungen)
- Übungen zum Hörverstehen (Verstehen mündlicher Fragen und Aufforderungen)
- Rekodieren (Erkennen von lautgleichen Wörtern: mehr und Meer)
- Dekodieren (Erkennen von Wortbedeutungen)
- Leseverstehen (Verstehen schriftlich gestellter Fragen und Aufforderungen)
- Übungen zur Graphem - Phonem - Zuordnung (einfache Leseübungen), Wort- und Satzlesen
- Übungen zur Phonem - Graphem - Korrespondenz
- Einfache (Ab)Schreibübungen als Form des "technischen" Schreibens
- Schreiben in Sinnzusammenhängen
Literatur:
Neubauer, A./Stern, E. (2007). Lernen macht intelligent. München
Küspert, P./Schneider, W. (2002): Hören, lauschen, lernen. Göttingen
Kretschmann, R./Dobrindt, Y./Behring, K. (1999): Prozessdiagnose der Schriftsprachkompetenz in den Schuljahren 1 und 2. Horneburg/Niederelbe
Probst, H. (2002): Testaufgaben zum Einstieg in die Schriftsprache. Horneburg/Niederelbe 2002
Martschinke, S./Kirschhock, E.-M./Frank, A. (2002): Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb. Der Rundgang durch Hörhausen. Erhebungsverfahren zur phonologischen Bewusstheit. Donauwörth
Forster, M./Martschinke, S. (2002): Diagnose und Förderung im Schriftspracherwerb. Leichter lesen und schreiben lernen mit der Hexe Susi, Übungen und Spiele zur Förderung phonologischer Bewusstheit. Donauwörth
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Sanfter Einstieg
Sanfter Einstieg in das Lesen und Schreiben
Prof. Dr. F. Schönweiss - Universität Münster
RICHTIK LESN UND SCHRAeiBM LEANEN...
Die Welches Kind möchte das nicht? Und welche Eltern freuen sich nicht über die ersten gekritzelten Botschaften und all den Eifer, mit dem sich ihre Kleinen an die Welt der Großen herantasten? Leider ist es keine Selbstverständlichkeit, dass diese Begeisterung von Dauer ist. Gründe dafür gibt es eine ganze Menge. Eltern und Erzieher können einiges dafür tun, dass diese Wissbegierde anhält und die Bildungsbiografie der Kinder harmonisch verläuft. Vor allem sollten Sie eines bedenken: Das Hineinfinden in die Schriftsprache…
...ist alles andere als ein Kinderspiel.
Was einem Erwachsenen als selbstverständlich erscheinen mag – dass sich Sätze aufteilen, die gesprochenen Wörter in lauter einzelne Laute zergliedern und dann auch noch durch irgendwelche Zeichen abbilden lassen –, das alles ist eine Sicht auf Sprache, die für jedes Kind erst einmal einen prinzipiellen Blickwechsel darstellt. Plötzlich muss es sich neben dem Inhalt wesentlich um die Form kümmern. Es genügt auf einmal nicht mehr, die Botschaft des Gesprochenen zu verstehen. Jetzt muss sich das Kind gleichzeitig für das Gehörte oder das beim eigenen Sprechen Gespürte interessieren, es analysieren und mit einer vorgegebenen Menge an Symbolen und unterschiedlichsten Regelhaftigkeiten in Verbindung bringen.
Hat sich der kleine Schreiblehrling auf diesen Blickwechsel eingelassen, geht es freilich erst richtig los. So selbstverständlich und transparent sind diese Regelhaftigkeiten gar nicht, wie sie einem geübten Schreiber erscheinen mögen. Wahrscheinlich erinnern Sie sich kaum mehr an Ihre ersten Gehversuche mit der Schrift und all die Irrungen und Wirrungen, die damit verbunden waren. Das ist eigentlich schade, denn die seinerzeit erbrachte Leistung lässt sich sehen. Sie mussten sich damit anfreunden, dass es eine große Bandbreite gibt, mit der unterschiedliche Laute von den gleichen Zeichen repräsentiert werden (z. B. beten – Betten). Sie hatten sich damit zu arrangieren, dass ähnlich klingende Laute völlig anders verschriftet werden (z. B.Vater – Sofa). Auch durften Sie sich nicht davon beirren lassen, dass man manche Laute zwar hört, diese aber nicht verschriftet (/Urzaeit/, /kompt/) und wieder andere überhaupt nicht zu hören sind und dennoch geschrieben werden müssen ("Uhrzeit" oder "beten" > normal gesprochen als /betn/).
Genauso wenig wie Sie seinerzeit können Kinder wissen oder gar hören, dass und wie sich die einzelnen Wörter buchstabieren lassen. Kein Mensch kann akustisch wahrnehmen, dass das „Fenster“ bei uns durch diese sieben Buchstaben repräsentiert wird. Erst mit dem Blick zurück, also durch den Rückbezug vom gewussten Wortbild auf das gesprochene Wort, kann man korrekt buchstabieren. Es gilt also, Kindern auf eine Weise, die sie verstehen können, zu einem selbstverständlichen, souveränen Umgang mit der Schriftsprache zu verhelfen.
Systematisches Fördern oder spielerisches Lernen?
Aus lauter Sorge, man würde Kindern die Lust am Schreiben nehmen, hat man sich hierzulande lange und oft von der Auffassung leiten lassen, es gäbe einen in der natürlichen Entwicklung angelegten Zugang zur Schrift und Erzieher wie Eltern dürften die Kinder bei ihrem höchst geheimen Kreiseln um keinen Preis stören. Mit dieser verqueren Parteinahme für die Kinder schwindelt man sich über die objektiven Schwierigkeiten hinweg, die es nun einmal gibt - und verwehrt Kindern just jene Unterstützung, die sie bräuchten.
Kinder suchen doch nach Regelhaftigkeiten und wollen ernstgenommen werden. Diese Ernsthaftigkeit sollte nicht mit sturem Pauken verwechselt werden, denn Schriftsprache ist durchaus einsehbar, sie hat zum Glück ihre Logik. Dabei gilt es, zwischen dem spielerischen Umgehen mit Sprache und einem allmählichen Verstehen vom Zusammenhang zwischen gesprochener und verschrifteter Sprache die Balance zu halten.
Bei alledem sollte eines bedacht werden: Kinder müssen Fehler machen dürfen, auf welcher Stufe des Schriftspracherwerbs auch immer sie sich befinden! Wenn gemeinsam mit den Kindern ihr kreatives Herantasten an Sprache als eine echte Leistung und ein Fehler als Informationsquelle über Verstandenes und Nichtverstandenes begriffen wird, ist dies die beste Gewähr dafür, dass ihre ursprüngliche Begeisterung für Bildung erhalten bleibt.
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