BADEN-WÜRTTEMBERG
MINISTERIUM FÜR KULTUS, JUGEND UND SPORT

Stuttgart 11.11.2009

Ihr Schreiben vom 28.10.2009 an Herrn Minister Rau MdL


Sehr geehrter Herr Kortländer,

im Namen von Herrn Minister Rau danke ich Ihnen für Ihr Schreiben. Es ist uns ebenso wie Ihnen ein Anliegen, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten insbesondere im Bereich des Schriftspracherwerbs und des Leselernprozesses in der Grundschule möglichst optimal gefördert werden. Sie bitten um die Darstellung von Maßnahmen in der Lehrerausbildung und in der Lehrerfortbildung, mit denen Lehrerinnen und Lehrern das diesbezüglich nötige
Verständnis und Rüstzeug vermittelt wird.

Im Rahmen der gültigen Prüfungsordnung für Grund- und Hauptschullehrer (GHPO 1) ist im Modul 5 “Diagnose und Förderung“, das von allen Studierenden dieses Lehramts besucht werden muss, ein besonderes Augenmerk auf die Diagnose und individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler beim Erwerb mündlicher und schriftsprachlicher Fähigkeiten gerichtet. Hierbei geht es besonders um die Beobachtung und Analyse von Lehr- und Lern- prozessen, die Phasen und Schwierigkeiten des Erwerbs mündlicher und schriftsprachli-
cher Fähigkeiten und um die Entwicklung und Evaluation individueller Förderkonzepte für Sprechen, Lesen und Schreiben.

Für Studierende der Lehrämter Grund- und Hauptschule und Realschule mit dem Fach Deutsch als Haupt- oder Leitfach ist darüber hinaus in den gültigen Prüfungsordnungen jeweils im Modul 4 unter dem Aspekt “Lernschwierigkeiten im Deutschunterricht“ der Besuch von Veranstaltungen zu den Themen “Lernstandserhebung bei Mehrsprachigkeit und der Einsatz von entsprechenden Fördermöglichkeiten“ und “Deutsch als Zweitsprache“
verpflichtend vorgegeben.

Im Rahmen der Lehrerfortbildung wurde im Schuljahr 2005/06 für die Grundschule, die Hauptschule und das Berufsvorbereitungsjahr eine landesweite Konzeption zur Sprachförderung vor allem von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund entwickelt.
Auf der Basis dieser Konzeption arbeiten etwa 1 00 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren mit dem Auftrag, Lehrerinnen und Lehrern einen vertiefenden Einblick in die grundlegen den Bereiche der schu1ischen Sprachförderungzu vermitteln.
Bevorzugt in den Blick genommen werden dabei:

Interkulturalität (Verständnis von Kultur; Ansätze interkultureller Bildungs- und Erziehungsarbeit; erforderliche Kompetenzen aller am Schulleben Beteiligten und die Umsetzung im Unterricht und in der Elternarbeit; Vernetzungsmöglichkeiten)
Sprachstandsdiagnostik (Kennenlernen verschiedener Verfahren zur Sprachstandsdiagnostik; Qualitätsmerkmale, Beobachtung, Dokumentation und Evaluation des Sprachlernprozesses; individueller, kompetenzorientierter Förderplan; Möglichkeiten der Differenzierung; Verbalbeurteilung)
Förderung der Sprachkompetenz (Deutsch auch als Zweitsprache; Kontrastive Sprachbetrachtung; Stolpersteine der deutschen Sprache; Bewusster Umgang mit Sprache; Lesekompetenz 1 Leseförderung; Blick auf die individuellen Potenziale der Schü1er/innen; Umgang mit “Fehlerkultur“)

Ab März 2010 soll zusätzlich ein zwischen dem Kultusministerium und dem Landesinstitut für Schulentwicklung abgestimmtes Konzept, das individuelles Fördern im Unterricht und in der Schule in den Mittelpunkt stellt, in die Lehrerfortbildung aller allgemein bildenden Schularten bezogen werden. Das Konzept “Beobachten - Beschreiben - Bewerten - Begleiten“ berücksichtigt den einzelnen Schüler in besonderem Maße. Das professionelle Beobachten von Schülerinnen und Schülern, die Beschreibung und Dokumentation der beo-
bachteten Kompetenzen und Defizite, deren Bewertung und die daraus abgeleitete Vorgehensweise münden in eine individuell zugeschnittene Begleitung und Förderung der Lernenden.

Mit freundlichen Grüßen


Manfred Hahl
Ministerialdirigent

Schreiben als PDF



Unsere Antwort

Sehr geehrter Herr Hahl,

wir bedanken uns für Ihre Antwort auf unser Schreiben: "Recht auf Lesen" vom 11.11.2009.
Wir begrüßen es sehr, dass Ihr Land Kinder im Bereich des Leselernprozesses möglichst optimal fördern will.
Sie beziehen  sich auch auf Ihr Modul 5 "Diagnose und Förderung" der GHPO I. Ab März 2010 soll zudem ein Konzept zum Tragen kommen, das - wie Sie schreiben - den einzelnen Schüler in besonderem Maße berücksichtigt.
Sind Ihre Schulen finanziell und personell gerüstet, um eine solche individuelle Fördeurng und Begleitung der einzelnen Kinder zu leisten? Darauf zielen ja auch die folgenden Punkte, zu denen wir Ihrem Schreiben keine Stellungnahme entnehmen können:

  * Anstelle der gleichschrittigen Unterrichtung der Schriftsprache
    werden individuelle Lernwege der Kinder zugelassen und unterstützt.
  * Bestmögliche individuelle Förderung wird durch in die
    Schulstruktur integrierte Förderkräfte gewährleistet, um
    Stigmatisierung und Selektion vorzubeugen.
  * In besonderen Fällen kann eine spezielle außerschulische Förderung
    ergänzend notwendig sein. Diese darf nicht abhängig gemacht werden
    von einer Einstufung des Kindes als "krank", "gestört" oder
    "seelisch bzw. geistig behindert".

Neben Ihrer Haltung zu diesen Punkten würde uns abschließend interessieren, wieviele Kinder beziehungsweise Jugendliche in Ihrem Bundesland die Schule ohne Abschluss verlassen und inwiefern der fehlende Abschluss mit mangelnder schriftsprachlicher Kompetenz korreliert.

Wir verbleiben mit herzlichem Dank für Ihre Antwort und der Bitte, unser bürgerschaftliches Engagement weiter zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüßen

Michael Kortländer

PS Wir gehen auch von Ihrem Einverständnis aus, dass wir die Korrespondenz in Anbetracht des gesellschaftlichen Gewichts online stellen.

Und die Antwort von Herrn Hahl (04.12.2009)

 

Sehr geehrter Herr Kortländer,


besten Dank für Ihre Fragen im Nachgang zu unserem Schreiben vom 11.11.2009.  Ich darf hierzu verweisen auf das Schreiben im Namen von Herrn Kultusminister Helmut Rau vom 26. Mai 2009. In diesem Schreiben wird das pädagogische Gesamtkonzept Baden-Württembergs zur individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern ausführlich dargestellt. Ich gehe davon aus, dass mit den beiden Schreiben Ihren Anliegen Rechnung getragen werden konnte.
Mit freundlichen Grüßen


M. Hahl
Ministerialdirigent

Nachfolgend das Schreiben, auf das Herr Hahl verweist:

(Falls erforderlich könnten und sollten sich Eltern wie auch Lehrer auf dieses Schreiben berufen.)


Baden-Württemberg
MINISTERIUM FÜR KULTUS, JUGEND UND SPORT


Stuttgart 26. Mai 2009

~ Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben - "Pathologisierung unserer Kinder
und deren Folgen am Beispiel LRS/Legasthenie"

Ihr Schreiben an Herrn Minister Rau MdL vom 5. Mai 2009



Sehr geehrter Herr Kortländer,

Herr Minister Rau MdL dankt Ihnen für Ihr Schreiben und hat das zuständige Fach referat mit der Beantwortung beauftragt. Wir haben Ihren beigefügten Artikel und die Materialien mit Interesse zur Kenntnis genommen und geben Ihnen gern die gewünschten Informationen zur Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben.

Baden-Württemberg hat ein pädagogisches Gesamtkonzept zur individuellen Förderung. Es beginnt im vorschulischen Bereich, zieht sich durch alle Schularten und orientiert sich am Entwicklungsstand und den individuellen Potenzialen der Kinder und Jugendlichen. Der Orientierungsplan für die Kindergärten, die Projekte "Schulreifes Kind" und "Bildungshaus 3 - 1 0", "Schulanfang auf neuen Wegen" mit jahrgangsübergreifenden Lerngruppen und der Möglichkeit einer individuellen Verweildauer von ein bis drei Jahren, die intensive Kooperation der Grundschulen mit den Kindergärten sowie die Einführung von Diagnose- und Vergleichsarbeiten als Evaluierungsinstrumente sind miteinander verknüpfte Elemente. Es wurden differenzierte Unterstützungssysteme und flexible Rahmenbedingungen für präventive und frühzeitige individuelle Fördermaßnah-
men geschaffen, um den Förderbedürfnissen der Kinder gerecht werden zu können.
Insbesondere im Projekt "Schulreifes Kind" werden frühzeitige Fördermaßnahmen im vorschulischen Bereich erprobt, um allen Kindern einen gelingenden Start in die Schule zu ermöglichen. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Kultusministeriums unter www.Kultusportal-bw.de.

Es ist zentraler Auftrag aller Schulen, Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer individuellen Lernpotenziale zu fördern. Dieser Grundsatz ist in den Bildungsplänen 2004 verankert. Den Entwicklungsunterschieden der Kinder begegnen Lehrkräfte durch Maßnahmen der inneren und äußeren Differenzierung und Individualisierung, zum Beispiel durch offene Unterrichtsformen, Arbeit nach Wochenplan oder Förderplan und unter-
schiedlichen Lernmethoden. Entsprechende Fördermaterialien werden durch die Schule zur Verfügung gestellt. Zusätzliche Fördermaßnahmen werden in äußerer Differenzierung durch Förderkurse angeboten.

In der Verwaltungsvorschrift vom 22. August 2008 "Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen", die wir Ihnen in der Anlage beifügen, ist der Förderanspruch aller Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf wie Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben und Mathematik, mit Aufmerksamkeitsstörungen, Sprachschwierigkeiten und besonderen Begabungen verankert. Auch hier ist die gezielte Förderung von Kindern und Jugendlichen als päda-
gogische Aufgabe aller Schularten festgeschrieben.Kinder werden nicht als "krank, gestört und behindert" eingestuft, wenn "Verhaltensformen und Begabungsprofile in irgendeiner Form von einer engen Norm abweichen", wie Sie kritisch eine aus Ihrer Sicht zunehmende gesellschaftliche Tendenz beschreiben.

Fehler werden nicht unter dem Defizitblick gesehen, sondern als Einblick in den individuellen Lernstand einer Schülerin oder eines Schülers. Aufgaben aller Lehrkräfte sind gezielte, kontinuierliche Beobachtungen der Lernentwicklung und regelrnaßige Lernstandsdiagnosen als Basis für individuelle Förderpläne und schulische Förderkonzepte.
Die Erkenntnisse aus den Lernstandsbeobachtungen bedingen Art und Form der Förderung. Die Beratung mit Eltern und gegebenenfalls die Einbeziehung weiterer schulischer und außerschulischer Experten sind wichtige Faktoren für das Gelingen der Fördermaßnahmen.

Somit stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt pädagogischer Fragestellungen bei der Planung und Durchführung gezielter Fördermaßnahmen, nicht medizinisch-diagnostische Entscheidungen. Schulen haben einen pädagogischen Auftrag zur Förderung, die bei der individuellen Lernausgangslage eines Kindes oder Jugendlichen an-
setzt. Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs und der Gewährung eines Notenprivilegs bei besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben als unterstützende pädagogische Maßnahmen sind in der VerwaEtungsvorschrift dargelegt. Ziel ist die Stärkung der Lernmotivation, Anstrengungsbereitschaft und Erfolgszuversicht der Schülerinnen und Schüler.

Zur Beratung von Lehrkräften und Eltern stehen Fachberaterinnen und -berater, schulpsychologische Beratungsstellen , Beratungslehrkräfte, Kooperationslehrkräfte im Rahmen des Sonderpädagogischen Dienstes, regionale Arbeitsstellen Frühförderung, frühkindliche Bildung und Kooperation bei den unteren Schulaufsichtsbehörden und Multiplikatoren für besondere Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schüler mit Schwie-
rigkeiten im Lesen und Rechtschreiben und in Mathematik, mit AD(H)S oder Hochbegabung zur Verfügung.

Wir hoffen, Ihnen mit diesen Informationen gedient zu haben.

Mit freundlichen Grüßen

Christa Engemann
Ministerialrätin
Leiterin des Referats "Kindergärten, Grundschulen"

Das Schreiben als PDF

Falls Ihr Kind nicht das bekommt, was ihm zusteht, drucken Sie sich das PDF aus und legen es der Schulleitung vor :-)

 


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