Rechenschwäche: Begriff, Ursachen und Förderung

Auszug aus K.R. Zimmermann (2014) mit freundlicher Genehmigung des Autors

Zur Begriffs- und Ursachenforschung: Rechenschwäche/ Dyskalkulie, Rechenschwierigkeiten

Bildquelle: Fotolia / ©Tino HemmannSchülerinnen und Schüler, die niedrige bzw. rudimentäre mathematische Kompetenz aufweisen, werden ohne Förderung langfristig Probleme in Mathematik behalten, die bleiben, wenn keine Förderung erfolgt. Zu ihnen gehören diejenigen, deren Schwierigkeiten häufig mit den Begriffen Rechenschwäche/ Dyskalkulie belegt werden. Mit diesen Bezeichnungen wird oft  die Vorstellung verbunden, dass die Schwierigkeiten nicht durch fehlerhafte subjektive Denkstrukturen hervorgerufen werden, sondern das Ergebnis einer organischen Schwäche seien, die diese Schüler hätten. Schüler und Schülerinnen mit Rechenschwäche seien danach nicht nur schwach im Rechnen, da sie viele Fehler machen, sondern hätten einen Mangel, der mit einer Krankheit durchaus vergleichbar sei (Röhrig 2001, S.127). Dieser Vorstellung kommt  der häufig verwendete  Begriff Dyskalkulie entgegen. Er ist abgeleitet aus der griechischen Vorsilbe „dys“, d.h. abweichend von der Norm, „miss“, krankhaft und dem lateinischen Wort „calculare“ d.h. mit Rechensteinen rechnen.

Die Ursachenforschung in Verbindung mit den Begriffen Rechenschwäche / Dyskalkulie beschäftigt sich meist mit Themen, die schlagwortartig unter Wahrnehmungs-Schwäche/ -Störung und/oder Teilleistungs-Schwäche/ -Störung zu subsumieren sind. Für diese Begriffe gibt es allerdings keine eindeutigen Definitionen. „Die Diagnose Wahrnehmungsstörungen ist weder theoretisch ausreichend fundiert, noch lassen sich darin begründet Handlungsanweisungen für die Praxis ableiten“ (Nussbeck 2003, S.26).

So wird z.B. der Begriff Wahrnehmungsverarbeitungsstörung in einer Veröffentlichung des Hessischen Landesinstituts für Pädagogik (2001, S.4) definiert als eine Störung des Prozesses „der Aufnahme von Sinnesreizen (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten), der Übertragung ins Gehirn und schließlich der Verarbeitung in entsprechende Reaktionen/ Handlungen“. Eine derartige Störung kann sich dann beim Lernen  als Teilleistungsschwäche darstellen.

Charakteristisch für die Definitionen von Teilleistungsstörung/- schwächen  ist, dass es sich bei ihnen jeweils um Defizite handelt, die allein im Kind selbst liegen und nicht in den Lernprozessen. Lehrer und Eltern sind damit aus der Verantwortung für die Lernschwierigkeiten des Kindes genommen.

Um solche Störungen/-schwächen zu behandeln, werden vielfältige Funktionstrainingstherapien angeboten. Besonders häufig genannt wird die sensorische Integrationstherapie von Ayres für die Bereiche „Wahrnehmung“, „Motorik“. Doch die erfolge dieser Therapie sind kaum nachweisbar. So stellt Krombholz (1985) fest, dass die postulierten Zusammenhänge zwischen der Förderung der Motorik und Lernfortschritten nicht ausreichend bewiesen seien.
Um Assoziationen von Rechenschwierigkeiten als einer krankhaften Störung zu vermeiden, sollte nur den Begriff Rechenschwierigkeiten (RS) anstelle der Begriffe Dyskalkulie / Rechenschwäche/störung verwendet werden. Die RS äußern sich in anhaltenden, subjektiven und systematisierbaren Fehlleistungen, die bereits bei arithmetischen Basisaufgaben im Anfangsunterricht der Grundschule einsetzen (z.B. bei Verwendung von Kardinal- und Ordinalzahlen, bei den Grundrechenarten). Sie können sich bis in die Sekundarstufe fortsetzen (z.B. bei der Bruch- und Dezimalrechnung). Auf Grund der besseren Darstellbarkeit sind Unklarheiten in der Geometrie – vor allen in der Grundschule - weniger anzutreffen und leichter zu beheben als arithmetische Schwierigkeiten (Bos u.a. 2008,S.11).

Zur Förderung von Kindern mit Rechenschwierigkeiten

Das Frankfurter integrative Therapiekonzept FIT ist ein psycho- und lerntherapeutisches Interventionsprogramm, das Erkenntnisse der entsprechenden Fachwissenschaften verbindet. Es hat sich in der praktischen Arbeit langfristig bewährt  und bietet für die schulische und außerschulische Förderung hilfreiche Ansätze (Naegele 2014, S.179 ff, 207 ff). Das Konzept beinhaltet fachdidaktische, entwicklungs-psychologische, emotionale und soziale Elemente. Es geht von der individuell unterschiedlichen Versagens- und Frustrationsgeschichte der Schülerinnen und Schüler aus und knüpft dort an, wo sie stehen (Passung herstellen). Das FIT-Konzept verzichtet auf die Einbeziehung von Funktionstrainings zur Behebung von Wahrnehmungs- und Teilleistungsstörungen/-schwächen und stellt die mathematisch-didaktischen Probleme des Schülers oder der Schülerin in den Mittelpunkt (Zimmermann 2011, 2014).

Die Ziele des FIT-Konzepts sind:

  • das Erreichen einer ausreichenden mathematischen Kompetenz im Hinblick auf die Lernziele der Jahrgangsstufe eines Schülers/ einer Schülerin
  • die Stabilisierung seiner psychischen Situation
  • und die Verbesserung der sozialen Beziehungen.

Jede Therapiestunde hat eine bestimmte Struktur, die als  Gerüst dient und je nach Situation und individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen bzw. Schüler  in der Reihenfolge und Intensität geändert werden kann:

  • ein einführendes Gespräch über positive und negative Ereignisse seit der letzten Stunde
  • die Behandlung der mathematischen Themen in etwa zeitgleichen Teilen, die sich aus Wiederholung und Durchsicht der häuslichen Übungen, dem Beginn und der Weiterführung neuer Themen oder der Vertiefung der behandelten Themen zusammensetzen
  • Entspannungs- und Lockerungsübungen, z.B. nach dem Konzept der Jacobsonschen Muskelentspannung
  • Automatisierung der Rechenoperationen, um das Begriffene zu festigen
  • Besprechung und Nacherzählung kurzer sachbezogener Texte als Voraussetzung des Verstehens von Sach- und Textaufgaben
  • Hilfen zur Organisation des Lernens z.B. Arbeit mit Karteisystemen, Mitschreiben, Pausen einhalten, Wiederholungen.
  • gemeinsames Spiel, um sprachliche, sachliche, soziale und rechnerische Erfahrungen zu sammeln.

Literatur

Bos u.a. (Hrsg.)(2008):TIMSS 2007. Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen von Grundschulkindern in Deutschland und im internationalen Vergleich. Waxmann: Münster.

Hess. Landesinstitut für Pädagogik, Regionalstelle Frankfurt (2001): Wegweiser Wahrnehmungsstörungen. HELP: Frankfurt.

Krombholz, H. (1985): Können kognitive Leistungen durch motorische Fördermaßnahmen gesteigert werden?....In: Heilpädagogische Forschung 1/1985, S.73-79.

Naegele, I. (2014): Praxisbuch LRS. Hürden beim Schriftspracherwerb erkennen - vermeiden - überwinden. Beltz: Weinheim.

Nussbeck, S. (2003): Wahrnehmungsstörungen – häufig zitiert- schlecht definiert. In: Frühförderung interdisziplinär.1/2001,S.20-27.

Röhrig, R. (2001): Mathematik mangelhaft, Rowohlt: Reinbek.

Zimmermann, K.R. (2011): Jedes Kind kann rechnen lernen. Beltz: Weinheim, 2.Aufl.

Zimmermann, K.R. (2014): Rechenschwierigkeiten erkennen und bewältigen. Den Erwerb mathematischer Kompetenz erleichtern. Beltz: Weinheim.

nach oben

Anzeige

Dyskalkulie

Neu: Lurs-Abenteuer-App
(IOS und Android)

für iPhone und Smartphones ab 5,5'' Bildschirmgröße und natürlich für iPad & Co

mehr Infos zur App oder direkt zur App im AppStore bzw. im GooglePlay Store


Aktuelles aus dem LRS-Blog

Anzeige

Arbeitskreis des Zentrums für angewandte Lernforschung