Ausgelacht

Andreas stottert beim Lesen.

Die Hände, die das Buch hielten, zitterten. Die Augen irrten über die Zeilen. Vor lauter Aufregung begannen sie zu tränen. Die Buchstaben verschwammen zu grauem Brei.

"Seht mal, unser Zappelphilipp heult schon wieder!"

"Sei still, Thomas", mahnte die Lehrerin.

"Wer nicht lesen kann, ist zu doof für die Schule!", rief ein Mädchen.

Andreas läuft aus dem Klassenzimmer.

Andreas wurde es ganz übel. "Ich, ich...", stotterte er.

"F F Frau Lelelehrerin, i i ich hahab auch dieses Legadididings", äffte Thomas  Andreas Stimme nach. Alle lachten. Sogar die Lehrerin.

Andreas duckte sich wie unter Stockschlägen und lief aus der Klasse. Hinter sich hörte er noch lauteres Lachen und etwas, was nach "Hosenschisser" klang.

Außer Atem und mit verweinten Augen stand er auf der Straße.

 

Andreas steht auf der Straße.

"Cool, bist einfach abgehauen, echt super", sagte plötzlich ein fremder Junge. Ein eigenartig grünliches Gesicht hatte der und seine Stimme klang hohl und irgendwie alt. "Komm, wir gehen ins Kaufhaus und spielen Krieg am Computer."

"Wer bist du überhaupt?" Andreas wischte sich die Augen.

"Ich bin der, der die Kids von den größten Dummheiten des Lebens fernhalten will." Die gelben Augen des fremden Jungen zwinkerten. Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen und zeigte spitze Zähne.

"Und was sind die Dummheiten?" Andreas fröstelte plötzlich. Sein ganzer Körper war mit Gänsehaut überzogen.

"Lesen, Schreiben und Rechnen", tönte der Junge und lachte. Sein Lachen war wie das Fauchen eines Monsters.

"Eigentlich würde ich aber ganz gerne lesen", sagte Andreas leise.

Der komische Junge will Andreas von der Schule fortlocken.

"Mann, wozu gibt’s denn Computer? Die machen alles viel besser. Da brauchst du doch nicht mehr lesen und den ganzen Kram. Jetzt komm’ spielen, das kracht und heult so schön, super Todesschreie und das Blut fließt richtig. Echt toll das neue Spiel." 

Der fremde Junge war von seinen Worten so begeistert, dass ekelige gelbgrüne Spucke aus seinen Mundwinkeln tropfte.

"Hallo, Andreas", rief in diesem Augenblick ein Mädchen von der anderen Straßenseite herüber.

"Mist, das gibt’s doch nicht, die doofe Lega hat mir gerade noch gefehlt", zischte der fremde Junge und machte sich schleunigst aus dem Staub.

Lega tröstet Andreas und geht mit ihm zur Schule zurück.

Lega lief über die Straße zu Andreas.

"Was war denn das für ein Typ?", fragte sie außer Atem.

"Den kenn ich gar nicht. Komisch war der, hatte ein grünliches Gesicht und er faucht, wenn er lacht."

"Oh je, dann weiß ich Bescheid. Und heute haben sie dich wieder ausgelacht, in der Klasse, meine ich?"

"Stimmt, woher weißt du das?"

"Der führt sie doch alle hinters Licht, selbst die Lehrer. Man müsste in den Schulen mal ordentlich was erzählen über Lurs, diesen Schweinehund."

"Lurs, wer ist Lurs?", fragte Andreas.

"Na, das ist der, der die Kinder manchmal dazu bringt, andere Kinder fertig zu machen, richtig fertig zu machen. Komm, gehen wir zur Schule zurück. Ich erzähl’ dir dabei alles, was ich über den niederträchtigen Lurs weiß."

Freundschaftlich legte Lega den Arm um Andreas.

Ende

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