Bayern
BAYERISCHES STAATSMINISTERIUM FÜR UNTERRICHT UND KULTUS

18.11.2009

Recht auf Lesen

Sehr geehrter Herr Kortländer,

Herr Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle dankt für Ihr Schreiben vom 28.10.2009, in dem Sie um Prüfung der Ausbildung von Grundschullehr- kräften in der Didaktik des Schriftspracherwerbs bitten. Herr Staatsminister hat Ihr Schreiben an das zuständige Fachreferat weitergeleitet. Zu Ihrem Anliegen kann ich Ihnen nun Folgendes mitteilen:

Grundschullehrkräfte in Bayern absolvieren eine zweiphasige Ausbildung.

In der ersten universitären Phase sind gemäß § 36 Lehramtsprüfungsordnung 1 (LPO 1) prüfungsrelevante Inhalte zur Didaktik des Schriftspracherwerbs verankert. Dabei werden sowohl Grundlagen des Schriftspracherwerbs, als auch Methoden und Konzepte, Möglichkeiten der Diagnose von Lernvoraussetzungen und Lernprozessen sowie der individuellen Beratung und Förderung von Schülern vermittelt.

In der zweiten Phase (Vorbereitungsdienst) erfölgt die Umsetzung dieser Inhalte in die Praxis. In der Zulassungs- und Ausbildungsordnung für das Lehramt an Grundschulen und das Lehramt an Hauptschulen (ZALGH) sind in § 1 5 als Inhalte der Ausbildung neben fachdidaktischen Fragestellungen beispielsweise die Erfassung der Lemausgangslage als Grundlage individueller Fördermaßnahmen und die Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten, Lern- und Leistungsstörungen aufgeführt.

Die in beiden Phasen der Lehrerbildung ausgewiesenen Inhalte belegen, dass angehende Grundschullehrkräfte in der Didaktik des Schriftspracherwerbs und der damit verbundenen Problematik eine solide Ausbildung erhalten.

Mit Ihrem Schreiben weisen Sie ferner darauf hin, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten einen Anspruch auf individuelle Förderung haben.
Auf der Grundlage des Bayerischen Lehrplans gehen die Lehrkräfte vom individuellen Entwicklungsprozess der Kinder aus und lassen in einer aktiven und entdeckenden Auseinandersetzung mit Schriftsprache individuelle Lernwege zu.
In Bayern stehen zudem zur individuellen Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten Förderlehrkräfte zur Verfügung, die als Lernberater in einzelnen Fächern der Grundschule, insbesondere auch im Teilbereich Schriftspracherwerb, ausgebildet sind und die Klassenlehrkraft in ihren Aufgaben im Kontext der individuellen Förderung unterstützen.

Insgesamt gesehen werden die in Ihrem beiliegenden Schreiben "Recht auf Lesen" aufgeführten möglichen Sofortmaßnahmen an bayerischen Grundschulen bereits umgesetzt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Stückl
Oberregierungsrätin

Schreiben als PDF (209 KB)


 


Unsere Antwort 

17.12.2009

Sehr geehrter Herr Staatsminister Dr. Spaenle,
Sehr geehrte Frau Oberregierungsrätin Dr. Stückl,


wir danken für Ihre Stellungnahme zu unserer Initiative "Recht auf Lesen".
Sie betonen in Ihrem Schreiben, "dass angehende Grundschullehrkräfte in der Didaktik des Schriftspracherwerbs und der damit verbundenen Problematik eine solide Ausbildung erhalten".
Allerdings machen die Detailregelungen zur Ausbildung für das Lehramt Grundschule deutlich, dass eine solide und verbindliche Ausbildung für die Studierenden nicht gewährleistet ist. Tatsache ist, dass Studentinnen und Studenten während der gesamten Studienzeit den Bereich Schriftspracherwerb mit nur einem Seminar und ohne eine Prüfung ablegen zu müssen "erarbeiten" können. Da kann man beim besten Willen nicht von einer fundierten und verpflichtenden Ausbildung im Bereich Schriftspracherwerb reden.

Sie schreiben: "In Bayern stehen zudem zur individuellen Förderung von Schülern mit Lernschwierigkeiten Förderlehrkräfte zur Verfügung." Wie sollen die rund 8000 zur Verfügung stehenden Förderlehrkräfte  Kinder angemessen fördern, wenn sie für 32.700 Klassen zuständig sind? Noch dazu wenn sie zum großen Teil mit anderen Aufgaben betreut sind. (Wir haben kürzlich einen LRS-Workshop abgehalten. Unter den Lehrern waren auch 8 Förderlehrkräfte. Weder die Lehrer noch die 8 Förderlehrkräfte hatten eine Ausbildung im dem Bereich LRS und Schriftspracherwerb erhalten!)

Wie Ihnen sicher bekannt ist, stellt die internationale Untersuchung zur Lesekompetenz IGLU-E 2006 auf Seite 67 fest, dass 9,1 % der Grundschüler in Bayern unter der Kompetenzstufe III liegen, das heißt, dass diese Kinder relevante Stellen im Text nicht auffinden und miteinander in Bezug setzen können. Und die Pisastudie (PISA-E 2006, S. 113) kommt zu dem Ergebnis, dass in Bayern 15,6% unter der Kompetenzstufe II liegen und mit Blick auf eine eigenständige Lebensbewältigung als Risikogruppe eingestuft werden müssen.

Sie schreiben, dass die von uns geforderten Sofortmaßnahmen an bayerischen Grundschulen bereits umgesetzt werden. Die Realität sieht anders aus. Wir bekommen nahezu täglich Anrufe verzweifelter Mütter, wir haben Kontakt zu vielen Lehrern, so können und müssen wir sagen:

Es besteht in Bayern ein dringender und sofortiger Handlungsbedarf:

  • Die Ausbildung der Grundschullehrkräfte muss verbindlicher und umfassender gestaltet werden.
  • Die Klassenstärken müssen gesenkt werden, um den Lehrkräften überhaupt den Raum zu individueller Förderung zu ermöglichen.
  • LRS Förderkräfte müssen vorrangig ausgebildet werden.
  • Darüberhinaus sollten wir uns gemeinsam dafür einsetzen, Bedingungen zu schaffen, die den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen ermöglichen.


Mit freundlichen Grüßen

Michael Kortländer


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