Welche Hilfe für mein Kind?

Wegweiser für die Suche nach einer geeigneten lerntherapeutischen Praxis

Wenn bei Ihrem Kind Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb deutlich geworden sind und Sie sich entschlossen haben, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist es oft schwierig, eine geeignete lerntherapeutische Praxis bzw. LRS- Therapeutin oder pädagogisch-psychologisch geschulte Fachkraft zu finden. Der Begriff "Legasthenie- oder LRS-Therapeutin" oder auch "Dyskalkulietherapeut" ist kein geschützter Begriff, d.h. es gibt keine rechtliche Regelungen, welche Ausbildung die Personen, die in diesem Bereich tätig sind, absolviert haben müssen oder welche Inhalte die Therapie oder die Förderung haben sollte. Dies erschwert die Orientierung im Bereich der außerschulischen Förderung. Zudem gibt es vielfältige Angebote in diesem Bereich, welche von durchaus unterschiedlicher Qualität sind.

Wie also können Sie herausfinden, ob in einer bestimmten Praxis oder bei einer bestimmten Fachkraft eine für Ihr Kind angemessene Begleitung stattfindet?
Im Folgenden werden einige Kriterien benannt, die die Entscheidung für eine bestimmte Praxis bzw. Einrichtung oder eine bestimmte Therapeutin bzw. Fachkraft erleichtern können. Sinnvoll ist es, vor Beginn der Förderung möglichst viele Infos über die Arbeitsweise dieser Lerntherapeutischen Praxis bzw. der Fachkraft zu sammeln.

Vorbemerkung 1:
Wir benutzen gängige Begriffe wie Therapeutin und Therapie. Therapie hat hier die ursprüngliche Bedeutung von “Dienstleistung, Dienen”, der Therapeut, die Therapeutin ist dementsprechend ein Dienstleister, ein "Gefährte für das Kind". Therapie verstehen wir im Zusammenhang mit Leseschwäche, LRS, Legasthenie, Dyskalkulie etc. also nicht als "Heilung einer Krankheit".

Vorbemerkung 2: Wenn wir die weibliche Form "Therapeutin" verwenden, so sind auch männliche Therapeuten eingeschlossen.

Für die Förderung zentrale Punkte sind:

Fachlicher Hintergrund / Aus- und Weiterbildung

Die Anzahl institutioneller Anbieter (meist Franchiseunternehmen) und außerschulischen Förderkräfte wie Lerntherapeutinnen, Legasthenietherapeutinnen, LRS-Fachkräften, pädagogischen Therapeuten, Legasthenietrainern etc. nimmt von Jahr zu Jahr zu.
Wie schon beschrieben gibt es keine gesetzlich geregelten Ausbildungsstandards für diesen Arbeitsbereich. Die Ausbildungsangebote reichen von einmaligen Wochenendseminaren bis zu zweijährigen Ausbildungen.
In jedem Fall sollten die Förderkräfte einen pädagogischen oder psychologischen Berufshintergrund haben und sich zusätzlich in den speziellen Bereichen LRS und/oder Rechenschwäche weitergebildet haben. Diese Hintergründe erfahren Eltern häufig schon über die Homepage des Anbieters. Auch die Dauer der Berufserfahrung wird hier häufig erwähnt.
Für die Qualität der Therapie spielt es übrigens keine Rolle, ob sich Eltern an ein Therapieinstitut oder an einen niedergelassenen Therapeuten wenden – hier wie da kann man auf gute oder weniger versierte Kräfte treffen.

Mögliche Fragen sind hier:

  • Wie sieht Ihr fachlicher Hintergrund aus?
  • Haben Sie eine Weiterbildung zur Lern- bzw. LRS- bzw. Legasthenie– oder Dyskalkulietherapie?

Konzept / Methodik

Eine Förderung ist nur effektiv, wenn sie auch direkt am Problem, also beim Schreiben, Lesen oder Rechnen ansetzt. Alternative Therapieformen, die die Ursachen allgemeiner sehen und die Arbeit am Problem eher in den Hintergrund schieben, haben zwar Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes, können aber Rechenschwierigkeiten, Leseschwierigkeiten oder Rechtschreibfehler nicht aus der Welt schaffen.

Eine gute Förderung bezieht neben dem Leistungsbereich die gesamte Persönlichkeit des Kindes ein: Wo sind die Stärken, die besonderen Fähigkeiten des Kindes? Wo hat es evtl. auch im Schreiben, Lesen oder Rechnen persönliche Stärken? Auch wenn das Erbegnis falsch ist – welche Denkschritte hat das Kind unternommen, um das Ergebnis zu erreichen?
Diese "Ressourcenorientierung" ist notwendig, um dem Kind die Möglichkeit zur Verarbeitung der erlebten Frustrationen zu geben und einen positiven Zugang zum Lernen zu ermöglichen. Entspannungs- und Konzentrationsübungen sowie das Erarbeiten individuell passender Lernstrategien erhöhen die Erfolgschancen.
Es gibt also  eine Vielzahl von verschiedenen Konzepten zur Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. In jedem Fall sollten Sie sich genau erläutern lassen, wie die praktische Arbeit mit Ihrem Kind aussehen wird:
Wie stellt sich sich die Therapeutin, der Therapeut den Lernprozess vor? Wie soll der Lernprozeß gerade bei diesem speziellen Kind angebahnt und unterstützt werden?
Es empfiehlt sich auch abzuklären, ob Fachkraft möglicherweise Scientology oder einer anderen Sekte nahesteht.

Mögliche Fragen sind hier:

  • Nach welchem Konzept arbeiten Sie?
  • Könnten Sie dies näher erläutern?
  • Wie ist beispielsweise eine einzelne Stunde aufgebaut?
  • Gehen Sie individuell auf mein Kind und seine Schwierigkeiten ein?
  • Wie strukturiert bzw. wie offen ist das Konzept?
  • Gehen Sie auch auf mögliche psychische Schwierigkeiten in Bezug auf Lesen, Schreiben und Rechnen (etwa Ängstlichkeit, Vermeidungsverhalten) ein?
  • Welche Schwerpunkte hat das Konzept?
  • Bei Franchiseunternehmen: Sind Sie an das Konzept des Unternehmens gebunden? An die Verwendung ausschließlich der Lehrmaterials dieses Unternehmens?

Das Erstgespräch

Voraussetzung für das gute Gelingen einer Förderung ist ein ausführliches erstes Gespräch. Eltern sollten dieses Gespräch nutzen um ihre Sorgen zu äußern, Fragen zu stellen und das Konzept der Therapeutin bzw. Förderkraft sowie ihre allgemeine Vorgehensweise zu erfahren. Auch sollten sich die Eltern bewusst sein oder werden, welche Erwartungen sie bezüglich der Förderung haben. (“Nur” bessere Noten?)

Dieses Erstgespräch sollte in jedem Fall unverbindlich sein, d.h. Sie brauchen sich erst danach zu entscheiden, ob Sie die Förderung bei der jeweiligen Förderkraft tatsächlich beginnen wollen. Bei einer größeren Einrichtung mit mehreren Förderkräften bzw. Therapeuten sollten die Eltern Kontakt zu der Kraft haben, die auch tatsächlich mit dem Kind arbeitet.

Förderdiagnostik / Therapieplan

Nach dem Erstgespräch sollte der genaue Leistungsstand Ihres Kindes festgestellt werden, falls dies nicht schon im Vorfeld geschehen ist. Dies geschieht durch einen förderdiagnostischen Test aus dem Bereich Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen.

Aus diesen Informationen wird ein Therapieplan erstellt. Darin wird festgelegt, wie die Förderung aufgebaut ist, mit welchen Materialien vorrangig gearbeitet werden soll und welche Ziele angestrebt werden. Dieser Plan sollte mit den Eltern durchgesprochen werden.

Transparenz

Die Förderung ist keine Zauberei hinter verschlossenen Türen, kein Geheimnis zwischen Kind und “Therapeut”. Eltern sollen über den Verlauf im Leistungsbereich regelmäßig informiert und – wo es sinnvoll ist – mit einbezogen werden.

Therapie, Gespräche, Feststellen und Besprechen von Entwicklungen und Veränderungen wechseln sich im Verlauf einer Förderung ständig ab.

Professionelle Haltung

Auch die professionelle Haltung der Fachkräfte zu den Schwierigkeiten ist von Bedeutung. Hier ist es wichtig, dass die Therapeutin ganz allgemein von einer Veränderbarkeit der Schwierigkeiten im Lesen/Schreiben oder Rechnen ausgeht und somit Ihnen und Ihrem Kind die Zuversicht vermittelt, dass die Schwierigkeiten wenn vielleicht auch nicht ganz, so doch weitgehend überwunden werden können.

Mögliche Fragen sind hier:

  • Wie sehen Sie Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben?
  • Welche Erfahrungen haben Sie im Verlaufe von einzelnen Förderungen gemacht?
  • In wieweit lassen sich die Schwierigkeiten abbauen?

Rahmenbedingungen und Kosten

Maßgeblich für einen Erfolg ist u.a., dass die Förderung entweder in Einzelsitzung oder in festen Kleingruppen von maximal vier Kindern durchgeführt wird. Nur so kann auf die Situation der Kinder individuell eingegangen werden. Die Stunden sollten in einer angenehmen, anregenden Umgebung stattfinden; vielfältiges, geeignetes Lehr- und Lern-, aber auch Spielmaterial sollte vorhanden sein.
Die Kosten variieren je nach Gegend sowie Einrichtung bzw. der Fachkraft. Eine langfristige Vertragsbindung dient der Sicherheit der Fachkräfte bzw. der Einrichtung, nicht aber dem Wohl des Kindes. Es sollte immer die Möglichkeit geben, innerhalb einer für beide Seiten angemessenen Zeit die Zusammenarbeit zu beenden (höchstens vier Wochen Kündigungsfrist).

Mögliche Fragen sind hier:

  • Wie oft findet die Förderung statt?
  • Findet die Förderung auch in den Ferien statt?
  • Handelt es sich bei Ihrem Angebot um eine Gruppen- oder eine Einzelförderung?
  • Welche Kosten fallen für die Förderung an?
  • Wird ein Vertrag abgeschlossen und wenn ja, welche Bedingungen gibt es etwa hinsichtlich der Kündigungsmöglichkeiten? 
  • Sind Elterngespräche eingeplant? 
  • Werden Zwischenberichte gegeben?

Kooperation mit Lehrkräften

Eine außerschulische Förderung wird auch die Zusammenarbeit mit der Lehrerin, dem Lehrer des Kindes suchen. Einerseits kann sie von der Einschätzung der Lehrkraft profitieren, andererseits kann sie möglicherweise den Blick der Lehrkraft auf das betroffene Kind positiv beeinflussen. (30 Rechtschreibfehler im Diktat sind eine glatte Note 6, 20 Fehler sind immer noch eine glatte Note 6, obwohl sich das Kind ungemein verbessert hat!)

Beziehung zum Kind – die Chemie muss stimmen

Eine Förderung ist nur dann erfolgreich, wenn „die Chemie“ insbesondere des Kindes zur Förderkraft stimmt. Ist dies der Fall gehen die Kinder gerne zur Therapie. Innerhalb einer guten therapeutischen Beziehung kann das Kind die pädagogische und psychologische Unterstützung erfahren, die es braucht, um Erfolge zu erzielen und auch wahrzunehmen.
Kinder, die nur widerwillig gehen, sind der beste Gradmesser dafür, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte. Dann heißt es, die Förderung an dieser Stelle schnell zu verändern oder zu beenden, um den Lese- oder Rechenfrust und die psychische Belastung des Kindes nicht zusätzlich zu erhöhen.  

Überhöhte Erwartungen? Rücksicht auf das Lerntempo des Kindes?

Eltern (wie Lehrkräfte) können auch einbeziehen, dass das Leid der Kinder aus dem mächtigen Wunsch entspringt, den Anforderungen der Eltern und der Schule zu genügen sowie aus der wachsenden Angst, den geforderten Leistungen nicht entsprechen zu können.

Die Aufgabe von Eltern und der Förderkraft ist es insbesondere auch, nach den Gründen zu fragen und zu suchen, warum sich das Kind schwer tut oder gar scheitert und nicht die Schuld allein beim Kind zu suchen. Denn ein eventuelles Scheitern hat viele Ursachen.

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