Bin ich doof oder was?

Lega kommt beim Lesen durcheinander.

Eigentlich ging Lega sehr gern in die Schule. Zumindest am Anfang. Dann aber geschahen merkwürdige Dinge. Alles fing mit dem Lesen an.

Wenn die Lehrerin etwas an die Tafel geschrieben hatte und alle Kinder das nachlesen sollten, hatte Lega nie Schwierigkeiten. Kaum hörte sie einen Satz, konnte sie ihn auswendig nachsagen.

Aber dann, als die Kinder aus der Lesefibel einzeln vorlesen sollten, wurde es von Woche zu Woche schlimmer. Immer, wenn sie dran war mit dem Lesen, purzelten die Buchstaben wie Schneeflocken herum. Sie fügten sich zu eigenartigen Gebilden, die auch mit größter Mühe nicht zu entziffern waren.
Lega stotterte, stolperte, haspelte und erfand in ihrer Not eigene Wörter. Wörter, die mit dem, was im Buch stand nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten.

Für die anderen Kinder war es das reinste Vergnügen.

Sie quietschten und johlten, lachten und riefen:
"Die Lega, die ist doof, die kann ja nicht mal lesen."

Die Lehrerin lachte nicht. Sie sagte ganz ernst: "Lega, du musst dich etwas anstrengen, sonst lernst du nie lesen. Vielleicht musst du dann auch auf eine andere Schule."

Lega mag nur noch in ihrem Zimmer sein.

Kein Wunder, dass Lega von Monat zu Monat verzweifelter wurde.

Das Lesen und auch bald das Schreiben waren zu einer Qual geworden.
Und obwohl die Mutter ihr half, mit ihr übte, gut auf sie einredete und später auch schimpfte, verlor Lega an der Schule den Spaß und verkroch sich in sich selbst wie in einem Schneckenhaus.

Sie wusste, dass sie nicht faul war, wie die Lehrerin sagte, oder sich nicht genug anstrengte, wie die Mutter meinte.Deshalb war sie fest davon überzeugt, dass die anderen Kinder Recht hatten:Sie war einfach zu doof zum Lesen.

Lega will nicht in den Spiegel schauen.

Lega wollte auch gar nicht mehr in den Spiegel schauen, denn wenn sie sich kämmen wollte, guckte ihr ein richtig doofes und blöde aussehendes Mädchen entgegen.

Was Lega allerdings nicht wusste, war, dass alle Menschen um sie herum manchmal von einem hinterhältigen, grünschuppigen Monster ferngesteuert waren.
Aber das Monster war unsichtbar.

Steni erzählt Lega von seiner Oma.

Ganz zufällig fand Lega dann doch einen Freund in der Schule. Es war Steni aus der Parallelklasse. Der konnte auch nicht richtig lesen und schreiben. Aber ihm ging es nicht ganz so schlecht.
Meistens jedenfalls.

In einer Pause sagte Steni:
"Mann Lega, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du 'ne ganze Menge Sachen kannst, die andere nicht können. Willst du hören, was meine Oma gesagt hat?"
"Was hat denn deine Oma gesagt?",  fragte Lega.
"Wenn mich ein Erwachsener anmacht, weil ich nicht richtig lesen kann, dann soll ich sagen: Wenn einem ein Finger fehlt, dann sagt man dem auch nicht jeden Tag: Dir fehlt ein Finger. Man hilft ihm einfach, mit den anderen neun Fingern zurechtzukommen."

Dieser Spruch gefiel Lega und sie sagte:
"Du hast echt ne prima Oma."

Steni gibt ein bisschen an ...

"Tja, Oma und ich, wir sind ganz schön clever. Und jetzt sollten wir uns dran machen, herauszufinden, wer daran schuld ist, dass die Buchstaben mit uns Blinde Kuh spielen."

"Ja, manchmal ist es, als könnte ich etwas fühlen, richtig echt spüren, verstehst du?
Wenn man das nur sichtbar machen könnte. Mit einem, mit einem Umwandler oder so."

"Was man spürt, kann man auch sichtbar machen",
tönte Steni und erschrak doch ein wenig vor der eigenen Angeberei.

Ende

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