Die medizinische Diagnostik und ihre Bedeutung

Welche Sichtweise auf das Kind steht im Vordergrund?

Grundsätzlich sind zwei Formen der Diagnostik zu unterscheiden: die medizinische und die pädagogische Förderdiagnostik. In beiden Bereichen wird teilweise mit ähnlichen oder denselben Testverfahren gearbeitet. Beide Diagnosen haben sowohl für Kinder, wie auch LehrKräfte und Eltern unterschiedliche Folgen.

Die medizinisch orientierte Diagnostik bei LRS

Die medizinische Diagnostik innerhalb der Kinder- und Jugendpsychiatrie zielt darauf ab, bei einem Kind im schriftsprachlichen Bereich eine Störung im Sinne einer Lese-Rechtschreib-Störung bzw. „Legasthenie“ festzustellen bzw. auszuschließen. Die meisten Mediziner*innen betrachten aufgrund ihrer beruflichen Sozialisation eine „Lese-Rechtschreib-Störung“ wie eine chronische Krankheit oder Behinderung. Eine solche eingeengte Sicht auf die Problematik war lange besonders mit dem Begriff „Legasthenie“ verknüpft, wird heute aber zunehmend kritisch gesehen.

Kritisch gesehen wird vor allem das der medizinische Diagnostik zugrundeliegende IQ-Diskrepanz-Modell, da allgemeine Begabung (IQ) und Schriftspracherwerb keineswegs in linearem Zusammenhang stehen, ebensowenig wie z.B. ein hoher IQ-Wert eine entsprechend hohe Musikalität erwarten lässt.

Folgen der medizinische Diagnose für das Selbst- und Fremdbild des Kindes

Zunächst kann die medizinische Diagnose „Lese-Rechtschreib-Störung“ Kind und Eltern entlasten. Die Frage „Wer oder was ist schuld?“ scheint geklärt: Weder Eltern noch Kind noch Lehrer oder Schule sind verantwortlich für die Schwierigkeiten – schuld ist die „Legasthenie“.

Parallel dazu wird das Kind jedoch in seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten nun anders wahrgenommen. Eltern gehen nun eher davon aus, dass an den Schwierigkeiten des Kindes wenig zu ändern ist, da sie genetisch oder neurobiologisch begründet seien. Und Lehrkräfte erklären sich vor dies Art von Störungen als nicht zuständig. Auch das Selbstbild des Kind verändert sich: Etwas an ihm – an seinem Gehirn oder seinen Genen – muss wohl „gestört“ sein, das wurde ja beim Arzt festgestellt. Das Kind neigt dazu, sich als unzureichend zu empfinden.

So stellt sich nach anfänglicher Erleichterung häufig eine tiefe Entmutigung bis Resignation ein: „Ich hab’ Legasthenie, da kann ich das sowieso nie lernen ...“

Zur Vertiefung: „Die medizinische Diagnose 'Legasthenie' ist irreführend und schadet den Interessen der Kinder“, Büchner, Valtin, Kortländer & Gerlach (2015)

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